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Jürgen Witte: Schluß mit Luxus

Birgit kann keinen Lachs mehr sehen. Auf sämtlichen Bürofeten ihrer mittelgroßen Friedenauer Firma gibt es immer Lachs und kalte Bouletten. Kalte Bouletten mochte sie schon vorher nicht. Lachs bei Aldi, Lachs auf jedem Laubenpieperfest der zerstrittenen Kolonie ›Harmonie 47‹. Ich denke, in den Edel-Freßtempeln um den Gendarmenmarkt haben sie den Räucherlachs als Kleinbürgervergnügen schon längst von der Karte gestrichen.

Ich gebe es zu, auch ich bin gewissen leiblichen Genüssen durchaus nicht abgeneigt, aber wenn ich essen gehe, dann interessiert mich, wie das schmeckt, was auf den Teller kommt. Auf Platzteller, Meißner Porzellan, weiße Tischdecken, Bauhausstühle und schnöselige Servierer kann ich dabei sehr gut verzichten. Wenn ich mit einer Frau schlafe, dann muß das nicht unbedingt in einem 100 Quadratmeter Parkett-Loft auf einem Stahlrohr-Himmelbett sein. Sie muß auch nicht in Seide gewickelt daherkommen, nach Calvin Klein stinken und lasziv mit einer Flasche Mumm-Sekt winken.

(Aber schön wär's schon, schreit da der Duschke dazwischen, und die Schmidt gibt ihm wie immer lautstark recht.)

Mit dieser Meinung stehe ich also ziemlich allein da. Die meisten von Euch, diese ›man gönnt sich ja sonst nichts‹ Generation, die denkt ja sogar, daß Becks Flaschenbier in Kneipen, wo es teurer ist, auch besser schmeckt. Oder wie soll ich mir sonst erklären, daß jede neue Schnöselkneipe rund um den Hackeschen Markt jeden Sonntag überfüllt ist.

Ich dachte, wir hätten hier Krise. Um wieviel wird Euer verfügbares Einkommen in diesem Jahr abnehmen? Denkt mal drüber nach, einige Hilfen gebe ich gerne: BVG, Mietnebenkostenerhöhungen, Tabaksteuer, Salbader-Preis. Findet ihr es wirklich noch zeitgemäß, krampfhaft Wohlergehen vorzutäuschen? Wäre es nicht an der Zeit, konsequent alle Produkte zu boykottieren, deren Werbung sich der Bilder von Menschen bedient, die sichtlich reicher aussehen, als Du selber es bist?

Oder kriecht Ihr in der Nähe des Geldes, damit dort auch ein paar Krümel für Euch abfallen? Ihr kennt doch die Dramen, die sich in dieser Welt alltäglich abspielen: Junge, lebenslustige Frauen, die ihren netten Nachbarn nicht einladen können, weil die Gläser Flecken haben. Männer, die Lätta klauen! Eisvögel, die sich in Bäche stürzen! Das muß doch nicht sein!

Ich gebe zu, der Sozialamtspuritanismus von Klasse gegen Klasse in Kreuzberg ist peinlich, aber wenn Ihr im Cafe Aedes in den Hackeschen Höfen neben einem kamelhaarmanteltragenden Mittfünfziger sitzt und ihm die Kulisse dafür abgeben müßt, daß wir ja alle schön, reich und jung sind, dann ist das auch peinlich. Laßt die Hackeschen Höfe den kamelhaarmanteltragenden Mittfünfzigern. Sollen sie lernen, daß Geldhaben auch einsam macht.

Es gibt ein Leben ohne Cocktailkleidchen, Rennrad, Surfbrett und Tennisschläger. Besser, Ihr gewöhnt euch dran! Der Deutsche hat keinen gesetzlich verbrieften Anspruch auf Karibiktourismus. So haben die Väter des Grundgesetzes das mit der Freiheit nicht gemeint. Die dachten damals an den Bayerischen Wald, oder vielleicht noch an Österreich.

Aber, höre ich alle jetzt sagen, alles was Spaß macht, kostet doch Geld. Menschen, die sonntags nicht in Berlin-Mitte spazieren gehen können, ohne eine Führung mitzumachen. Menschen, die nichts zu reden wissen, ohne vorher in Thailand im Urlaub gewesen zu sein. Menschen, die nicht mal vögeln können, ohne vorher einige Tantra-Kurse besucht zu haben... - und, um auf die Hackeschen Höfe zurückzukommen, Menschen, die nichts dafür tun, daß die letzten billigen Proletenkneipen im Viertel überleben.

Nichts gegen Luxus, aber jeder sollte doch selbst bestimmen, welchen Luxus er wirklich haben will. Ich kann sogar die Spinner verstehen, die ihr Leben dem Surfbrett geweiht haben, und mit zwanzig Mark in der Tasche in der Bucht von Biarritz auf die Welle ihres Lebens warten.

Vielleicht ist das ein gutes Leben, würde der alte Indianer auf dem Berg sagen, aber die meisten hier wissen doch nicht, was sie wollen, und deshalb wollen sie von allem was abhaben. Und dafür legen sie sich dann gerne krumm, und beklagen sich, wenn die Wirtschaft sie im Verwertungsprozess derzeit nicht brauchen kann. »Ich hab doch was gelernt, ich bin Akademiker, ich habe doch ein Recht auf ein gutes Leben.« Nee, habt Ihr nicht!

P.S.: Kürzlich war ich zum ersten Mal im Lafayette. Besonders die teure Damenmode hatte es mir angetan. Fast alles in Orange und Giftgrün, dazwischen knappe schwarze Ringelpullis mit orangenen, giftgrünen und weißen Streifen. Diese Pullis kannte ich noch sehr gut. Ende der Siebziger trug die Frau meines versoffenen Hausmeisters in Neukölln genau solche Woolworth-Pullis.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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