Sarah Schmidt: Die Party im Wandel der Zeiten
Im Alter von etwa drei Jahren geht es los. Das Geburtstagskind wird hübsch angezogen und darf zum ersten Mal seine drei Kerzen auspusten. Eingeladen werden: Die Großeltern, die Tanten und zwei alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Geschenke: Ein Playmobilbauernhof, ein Mobile, ein Rutschauto, auch Bobbycar genannt, und von den beiden Kindern Kritzelbilder.
Der Partyverlauf wird bestimmt durch zuviel Kuchen, eine Flasche Sekt und Kindergeschrei, denn die Besuchskinder wollen auch das Rutschauto haben. »Jetzt laß die Leoni auch mal fahren. Guck mal, die weint schon. Danach darfst du auch wieder. Nicht, die Leoni läßt dich dann auch wieder fahren?« Leoni schüttelt den Kopf, der Vater kommt auf die gute Idee, beide Kinder zusammen draufzusetzen, was zur Folge hat, daß Max bald Büschel von Leonis Haar in der Hand hat. Die Großeltern denken sich: »Früher war alles anders.«
Mit sechs Jahren wird die Party ausgelagert. Eingeladen wird der gesamte Kinderladen, das türkische Nachbarskind, welches seine vier Geschwister mitbringt, die Großeltern sowie sechs alleinerziehende Mütter und ein Vater. Getrunken werden fünf Flaschen Sekt. Es wird eine Schnitzeljagd veranstaltet, zu der vorher der Vater eine ›Schatzkiste‹, gefüllt mit Süßigkeiten (nicht zuviel), zahnfreundlichem Kaugummi, kleinen Plastik- und Holzfiguren sowie Bio-Buntstiften versteckt hat. Je nach Wohnlage wird die Kiste im Garten oder in der nächsten Wohnumgebung versteckt. Nach zehn Minuten ist der Schatz gefunden, oder die Kinder fangen an zu heulen und haben keine Lust mehr, weil die Hinweise zu schwer waren. Danach geht man wieder nach Hause, ißt Kuchen und wartet auf das Ende der Party. Die Eltern der Kinder aus dem Kinderladen sitzen in der Küche, essen, rauchen, trinken und versuchen nicht zu gehen. Drei Mütter fragen, ob ihr Kind bei dir schlafen darf. »Guck mal, die spielen so schön.« Weil Geburtstag ist, willigst du ein und hast abends um 21 Uhr drei heimwehkranke Besuchsgören und dein völlig überdrehtes Kind am Hals.
Mit zwölf wird erst zu 17 Uhr geladen. Die Küche wird ausgeräumt zur Disco, den Eltern weist man ein Zimmer zu, aus dem sie auf keinen Fall rauskommen sollen. Zu essen gibt es Kartoffelsalat, Chips, Würmer und Gummibärchen. Die Musik schwankt zwischen Back Street Boys, Kuschelrock und den Toten Hosen. Eingeladen wird nach Geschlecht. Ist das Kind ein Mädchen, wird nicht ein Junge zu Besuch gebeten, weil, die sind alle total doof, sondern nur die sechs besten Freundinnen. Alle sind stark geschminkt. Gegen halb sechs wird's langweilig, und das Telefon muß her. Es werden alle bekannten Jungs angerufen. Erst wird dreimal aufgelegt, wenn er sich meldet, beim vierten Mal faßt sich die zweitbeste Freundin ein Herz. Folgender Dialog entspinnt sich:
»Benni? Benni? Warte mal. Ey, Benni ist dran!« Alle anderen Mädchen kreischen. »Ey, Benni, warte mal, ich geb dir mal Alexandra.« Alexandra rennt kreischend aus dem Zimmer. Eine Diskussion, bei der die Sprechmuschel nur unzureichend zugehalten wird, kommt in Gang. »Was soll ich dem jetzt sagen?« - »Na, fragen, ob der herkommt.« - »Was? Kannst du ja fragen.« - »Ich frag Benni nicht. Der ist doch doof!« - »Ey, Benni, bist du noch dran? Gut. Warte mal.«
»Na gut, ich frag ihn«, faßt Anna sich ein Herz. Die anderen staunen über soviel Mut und kichern. »Ey, Benni, warte mal, ich geb dir Anna, die will dir was sagen.« Anna traut sich jetzt doch nicht mehr, zum Schluß schreit es eine von ihnen ins Telefon: »Benni, kommst du zur Party, hier wartet dein Schatz?«
Benni hat nun gar keine Lust, es wird aufgelegt, das Spielchen wiederholt sich stundenlang. Zum Schluß sind die Jungs wieder alle total doof, die Mädchen haben schlechte Laune und gehen nach Hause. Am nächsten Tag finden aber alle die Party toll. So geht es etwa zwei Jahre lang.
Ist der Gastgeber ein Junge, werden acht Mädchen und fünf Jungs eingeladen. Von Anfang an ist es sehr laut, sowohl die Musik als auch die Kinder, die sich nur schreiend verständigen können und wollen. Von der Vorpubertät bis ins Alter von etwa 16 Jahren haben die Hormone Einfluß auf das Hörvermögen. Es wird aus Prinzip nur geschrien, und alle finden es normal. In der ersten Stunde wollen die Mädchen tanzen, die Jungs nicht. Bei jedem Lied, das ertönt, schreien alle nach zehn Sekunden »Iii, das doch nicht, das ist blöd!« und es wird ein neuer Song aufgelegt. Nach einer Stunde sind die Mädchen sauer, weil die Jungs nicht tanzen und verziehen sich in 'ne Ecke. Damit ist für die Jungs der Zeitpunkt gekommen zu tanzen. Kein Mädchen macht mit, solange bis auch die Jungs beleidigt sind. Nach zwei Stunden, in denen alle alles doof finden, wird die Party auf ein weiteres Zimmer vergrößert und es werden Gefangene genommen. Drei Jungs schnappen sich ein Mädchen und schleppen sie ins Nebenzimmer. Die Freundinnen versuchen sie zu befreien, bzw. selber gefangen genommen zu werden. Alle schwitzen, haben vermehrten Speichelfluß und rote Köpfe. Es ist sehr laut. Zum Schluß finden dann aber alle die Party doof. Bis zur nächsten.
Mit 18 findet die Party auf einer Wiese oder in einem Keller, Dachboden, Schuppen statt. Getrunken wird Rotwein, die Freundin backt einen Kuchen, man hört Beck und Techno. Es werden zwei kleine Geburtstagsjoints geraucht, man unterhält sich viel und lang und knutscht. Zwei Freunde trinken Appelkorn, benehmen sich daneben und müssen kotzen.
Die Studentenparty. Gefeiert wird in der eigenen WG. Das Essen besteht aus Pide, verschiedenen Salaten und einer Badewanne voll mit Wackelpudding. Eingeladen sind 40 Leute, von denen 19 kommen, zwei schnell wieder gehen und einer noch einen Haufen Freunde von der Straße mitbringt. Die Frauen haben oft kurze Haare und tragen naturnahe Kleidung. Geschminkt sind sie bis auf Kajal nicht. Man gibt sich weltoffen und tolerant, freut sich insgeheim, so beliebt zu sein, und tanzt viel. Die Musik schwankt zwischen Zarah Leander, Hans Albers und B 52's. Die fremden Gäste benehmen sich schlecht, kotzen in die Palme und die Wackelpuddingwanne. Niemand traut sich, sie rauszuschmeißen. Gegen fünf sind nur noch Leichen da, und die Party ist vorbei.
Nachdem der Partygeber am nächsten Tag die Wohnung inspiziert hat, kommt eine lange Zeit, in der er nicht mehr feiern möchte.
Um die 30 dann hat man wieder Vertrauen in die Gäste und in das eigene Durchsetzungsvermögen. Es gibt mehr zu trinken als zu essen. Der Wein ist teurer geworden und es gibt verschiedene Biersorten. Viele Gäste bringen Sekt oder was fürs Büffet mit. Zwei bringen stattdessen ihre Kinder mit. Man unterhält sich zu nicht zu lauter Musik. Der Raum, der für die Disco vorbereitet wurde, bleibt leer. Gegen ein Uhr gehen alle nach Hause. Der Gastgeber ist enttäuscht und betrinkt sich alleine. Danach kotzt er in die Palme oder die Badewanne und denkt: »Früher waren unsere Partys irgendwie besser.«
Einige Jahre später ein neuer Versuch. Man erinnert sich an seine schönen Schatzsuchen in der Kindheit und veranstaltet Themenabende. Die Wohnung wird liebevoll dekoriert, es werden Spiele vorbereitet, die die Atmosphäre auflockern werden. Ein guter Freund wird zum Musikwart auserwählt. Er gibt sich große Mühe, es wird viel getrunken und gekifft, viele Frauen sind stark geschminkt und tanzen körperbetont in schwarzen Strümpfen und Miniröcken. Man ist locker und gelöst, entweder wird die Party gut oder nicht.
Im Alter von 70 werden nur noch drei Kerzen aufgestellt, damit du es nicht so schwer hast mit dem Pusten. Eingeladen sind die Kinder und die Enkel, sowie Tante Sophie. Getrunken wird eine Flasche Sekt auf den Jubilar, gegessen wird zuviel Kuchen. Du bekommst einen Einkaufsrolli und ein schönes Mobile. Die Enkel haben dir ein Bild gemalt. Gegen 17 Uhr sind alle eingeschlafen und du sitzt da und fragst dich: »Ist es das gewesen?« Und Sarah Schmidt wird dir antworten: »Ja, das war's. Das ist das Ende.«
