Horst Evers: Kufstein
Wenn man Reis mit Chilibohnen, Tomatenmark und Zwiebeln das dritte Mal aufwärmt, entsteht dabei ein warmer roter Brei, der auf den ersten Blick eher eklig wirkt. Das kann man getrost mitschreiben, denn ich weiß das. Seit kurzem sogar ganz genau. Es nützt auch überhaupt nichts, mit einigen Büscheln Petersilie kosmetische Korrekturen vornehmen zu wollen. Weiß ich jetzt auch genau. In so einem Fall hilft nur eiserne essenstechnische Disziplin, weil vom vierten Aufwärmen wird das ja auch nich mehr besser. Das klügste ist, man versucht während des Essens gar nicht groß auf den Teller zu gucken. Der menschliche Körper kann ja mehr Dinge essen und verdauen, als man so denkt. Ohne davon wirklich krank zu werden.
Ich sitze also in der Küche, esse und starre an die Decke. Aus dem Innenhof dringt schon seit einer Viertelstunde die Stimme meiner singenden Nachbarin aus dem dritten Stock. Sie singt immer das Kufsteinlied, leider kann sie nur die ersten vier Zeilen: »Kennst Du die Perle, die Perle Tirols, das Städtchen Kufstein, das kennst Du wohl... Kennst Du die Perle, die Perle Tirols...«
Ich versuche sie zu ignorieren, indem ich denke: Der Berliner würde den Brei auf meinem Teller Pampe nennen. Der Berliner hat für alles originelle Extra-Namen. Pampe, so glaubt der Berliner, hat er erfunden, es sei ein klassisches Gericht der urtypischen Berliner Küche. Darum muß das auch lecker sein: Pampe, Berlin, gut; deshalb denkt der Berliner auch, >pampig sein< ist was Gutes. Das ist natürlich Quatsch. Tatsächlich wurde die Pampe im spanischen Stierkampfort Pamplona erfunden, wo der Pampelmusenzüchter Pablo Pampo in einem Pamphlet die Pampe-Erfindung 1770 publizierte...
Mein Gott, ich denke schon wieder nur Mist. So geht das nicht weiter. Man muß auch ab und zu wieder besser denken, schöner, intelligenter, mehr, schneller. Ob wohl andere Menschen auch manchmal denken, sie denken nur Mist, sie müßten eigentlich besser, schneller, intelligenter, schöner denken? Und das stundenlang und ausschließlich? Ich senke meinen Blick. Verdammt, jetzt hab ich doch auf den Teller geguckt. Mir ist schlecht.
Die Nachbarin beginnt eine neue Schleife: »...die kennst Du wohl, kennst Du die Perle...« ich brülle: »umrahmt von Bergen, so friedlich und still, ja das ist Kufstein am grünen Inn, hollijo, hollijo!« - Stille. Aus den anderen Wohnungen kommt freundlicher Beifall, die Sängerin erscheint am Fenster und bedankt sich artig. Hat sie sich jetzt bei mir bedankt oder für den Beifall?
Still auf Inn zu reimen, is ja auch nicht grade perfekt, kein korrekter Reim das. Trotzdem ist das Kufsteinlied ein Megahit. Schon komisch, die Welt der Musik, voller Rätsel und Mythen. Heute könnte man mit so einem Reim keinen Blumentopf mehr gewinnen, aber damals hat's keiner gemerkt. Bis ich kam.

Versuche mich zu zwingen, endlich besser und intelligenter zu denken. Denke über die acht archetypischen Modelle der Musikrezeption bei Adorno nach. Holla, jetzt denk ich aber auf hohem Niveau. Habe schon ein neuntes Modell entwickelt: Den Hörer, der sofort erkennt, wenn ein Reim schief ist. Boarrhh! Mal eben im Handumdrehen Adorno verstanden und verbessert. Es geht doch. Rufe in den Innenhof: »Hee, ich hab grade Adorno gezeigt, wo denktechnisch der Hammer hängt, noch Fragen?« Jaaa, der Adorno, der hat auch nur mit Wasser gekocht. Der alte Glatzkopf. Wie der wohl bei Frauen angekommen ist?
Könnte mich im Supermarkt vors Waschmittelregal stellen und warten, bis mich eine Frau anspricht. Gut präpariert ist das eine prima Strategie. Im Einkaufswagen liegen alle wichtigen Hinweise: Tiefkühlkost (ich bin alleinstehend), Südfrüchte (weltoffen), Schokolade (großer Denker), vierlagiges Toilettenpapier (sensibel); und dann vors Waschmittelregal stellen, damit sie gleich sieht: Ah, er is sauber!
Frauen mögen ja saubere Männer. Mist, irgendwie gelingt es mir einfach nicht, besser und intelligenter zu denken. Die singende Nachbarin beginnt wieder ihr Lied: »Kennst Du wohl. Kennst Du die Perle...«
Sie hat die nächsten vier Zeilen schon wieder vergessen. Vermutlich wird das kein guter Tag werden.