Michael Stein: Ich bin ein Künstler
Eine Reflexion aus: Meine Höhepunkte 95/96
Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.
Göte, Wahlverwandtschaften
Ein mehr oder weniger von vornherein vergurkter Tag das: 1,50 DM auf Tasche, drei Schultheiss im Kühlschrank und Krauser-Reste hier und da und ein leeres Bett. Jedenfalls nicht das, was anspruchsvolle Menschen wie ich als Lebensqualität ansehen würden.
Aber ich bin ja Künstler. Durch und durch.
Selbst als ich letztes Jahr LKW gefahren bin, habe ich nicht irgendwelches Zeug gefahren und geschleppt - es waren Skulpturen und Bilder. Schlimme Bilder. »Haben Sie das gemalt, haha?« fragten einmal Straßenarbeiter, als mein Kollege und ich mit einer riesigen Unsäglichkeit in Pastell über den Gehweg schwankten. »Neinnein, wir machen nur den Transport.«
»Könnte von meiner Tochter sein, die is' fünfe, haha.«
»Ja, haha,« sage ich, »meine kann das jetzt schon, und die ist erst gerade mal zweie.« Es ist sonst nicht meine Art, anderer Leute Kinder als zurückgeblieben zu brandmarken, aber ich kann Arbeiter nicht leiden, denen die BILD-Zeitung aus dem Maul tropft, wenn sie über Kunst reden. Auch wenn sie zufällig mal recht haben.
Ich bin Künstler. Früher, als ich wirklich einer sein wollte, habe ich mich gegen diese Berufsbezeichnung verwahrt. Ich war als Journalist arbeitslos gemeldet. Das hat mir nur Ärger gebracht. Hätte ich beim Arbeitsamt Künstler gesagt, Dichter, Schriftsteller, was weiß ich, würde ich heute noch Staatsgelder kassieren; aber als Journalist giltst du als arbeitsmarktkompatibel, als irgendwie den Realitäten verpflichtet und gewachsen. Journalisten sind flinke, lebenstüchtige und skrupellose Existenzen, auf der Höhe der Zeit, stets bereit! Ein Dichter hingegen ist weltfremd, versponnen, er führt ein Leben im Paralleluniversum und bedarf der besonderen Obhut des Staates. Er ist per se ein 1a Sozialfall.
Der Künstler genießt mehr Freiheit als der gewöhnliche Mensch. Wenn ein Journalist schreibt: »Der Kanzler ist eine verkackte arschfickende Schwuchtel«, dann gibt das massiven Ärger. Wenn aber das Satireblatt Titanic daraus sogar eine Serie macht, fällt das unter Kunstvorbehalt und wird geduldet, möglicherweise sogar preisgekrönt.
Deshalb habe ich beschlossen, Künstler zu sein.
Eingedenk der Tatsache, daß mein schriftstellerischer Ehrgeiz mehr denn je gegen Null strebt, und ich mein Geld lieber mit Mädchenhandel und Drogen verdiente, bedarf das natürlich der massiven öffentlichen Behauptung: Ich bin Künstler! Ich bin Künstler! Ich bin Künstler!
Ich deklariere all mein schäbiges Tun als Kunst! Was heißt hier Waffenhandel und Prostitution?! Das ist Aktionskunst, Mann! Unsichtbares Theater! Augusto Boal! Büro für ungewöhnliche Maßnahmen! Situationismus! Über Kunst läßt sich zwar streiten, aber - hähä - was Kunst ist, entscheidet letztlich der Künstler. Aufruf zum bewaffneten Widerstand?! Hahaha, daß ich nicht lache, da lach ich doch, hahaha, und wie ich da lache, haha... Wir haben die Siegessäule gesprengt, ja und? Das ist eben unser Verständnis von bildender Kunst: Veränderung vorhandener Materialien, sie in eine neue Beziehung zueinander und zur Umwelt setzen.
Man muß natürlich aufpassen, daß man nicht in die Klapse kommt.
Um die Kunst unter Kontrolle zu halten, hat das herrschende Schweinesystem nämlich den Wahnsinn erfunden: Da Kunst nicht bestraft werden darf in einer Demokratie, bedarf es einer Kategorie, die genau so schwammig ist wie die der Kunst, aber als Rechtsnorm höher angesiedelt: Der Wahnsinn, das Irresein. Der Verrückte muß vor sich selbst geschützt werden. Und die Gesellschaft vor ihm.
»Angeklagter Stein, was heißt hier, Sie wollten sich in Wirklichkeit gar nicht in die Luft sprengen mit diesen drei Handgranaten da inmitten einer Menschenmenge vorm verhüllten Reichstag, um auf die Situation all der unbekannten verarmten Berliner Künstler hinzuweisen... Die Dinger waren scharf, Angeklagter Stein!«
»Ich mache eben nur wahrhaftige Kunst, Herr Richter, mit Spielzeug wäre ich nicht ins Fernsehen gekommen...«
Naja, am Anfang hatte ich noch viel Besuch in der geschlossenen Abteilung, aber meine Freunde fingen bald an, sich zu langweilen mit mir; das Gespräch ist ja auch eher schleppend mit einem, der unter starken Beruhigungsmitteln steht - ich würde ja auch nicht hingehen - und so war ich bald ganz allein, was aber auch nicht weiter schlimm war, da ich es gar nicht mitbekam, so war ich im Dschumm. Jaujau.
Wie dem auch sei: Ich bin Künstler, durch und durch. Basta. Alles, was ich tue, ist vom Geist der Kunst durchweht. Selbst das Alltäglichste. Wie z. B. mit 1,50 DM, drei Schultheiss und Krauser-Resten und ganz ohne Weib hier und da über den Tag kommen.

Wenn ich damit bis heute abend durchhalte, habe ich gewonnen. Dann habe ich nämlich einen Auftritt im Parkhaus Treptow mit netten Kollegen und erhalte im Anschluß 100.- DM. Bis dahin könnte ich meine Zeit totschlagen mit am Schultheiss nippen, Krümel zusammenkratzen und wixen. Ich könnte auch Leute anrufen, mir Geld borgen und fragen, ob Nadia da ist. Ich könnte alles mögliche tun, das, was eben alle tun, die keine Künstler sind, sondern Journalisten, LKW-Fahrer und Arbeitslose.
Ich aber mache das einzig Wahre. Das Wahrhaftige:
Ich schreibe.
(An dieser Stelle erwarte ich Szenenapplaus.)
Eigentlich ein schöner Schluß: Ich schreibe. Ich sollte hier aufhören. Aber ich kann nicht. In meinen Augen das Schlimmste: Nicht aufhören können! Bands, die nicht von der Bühne gehen, obwohl alle den Hauptact erwarten. Kabarettisten, die Zugabe auf Zugabe geben, ohne daß auch nur die geringste Nachfrage besteht (ich will jetzt keine Namen nennen). Frauen, die immer weiter nachhaken, obwohl man doch eigentlich alles gesagt hat.
Und so einer bin ich jetzt auch!
Ich merke, wie das nervt, wie Langeweile den Raum füllt, wie ihr noch denkt: Na, das wird ja vielleicht noch lustig, aber dann wird es nur zäh, zäh und zäh. Manche werden ungehalten, und es dauert nicht mehr lange, und dann kommt der erste Zwischenruf von irgend einem Journalisten, LKW-Fahrer oder Arbeitslosen:
»Aufhörn!«
Ich aber sage: »Ich höre dann auf, wenn es mir paßt. Ich bin Künstler!«
»Und was hast du uns zu sagen, großer Künstler?«
»Ne Menge, aber das versteht ihr erst in hundert Jahren.«
Das ist ja das Schöne am Künstler-Sein. Du kannst dir unheimlich viel rausnehmen; und: Wer auf der Bühne steht, hat erstmal recht. Es stellt sich doch keiner auf die Bühne, der kein Recht dazu hat. Na also.
Kunst üben kann nur der Erkorene,
Kunst lieben jeder Erdgeborene. (Anastasius Grün)
Und deshalb bin ich hier oben, und ihr seid da unten. Wenn ihr was zu sagen hättet, wärt ihr ja hier oben. Aber ich bin hier oben. Ich bin der Künstler, und ihr seid das Publikum. Wird schon seinen Grund haben, das alles.
Was mich ein wenig traurig stimmt an diesem berechtigten Niveauunterschied: Die Menschen trauen sich oft nicht, mit uns zu sprechen. Ich verstehe zwar, daß ihr uns für Götter haltet oder zumindest für so hoch über euch stehend, daß es einem Frevel gleichkäme, uns mit eurem bescheidenen Geiste, mit euren schlichten Fragen nach dem Auftritt zu behelligen...
Aber wahrlich, ich sage euch: Nichts wünscht sich der Künstler sehnlicher, als ein Gespräch mit z. B. einer reizenden Dame, in dem er ihr noch einmal seine dichterischen Intentionen nahebringen kann. Und das hat nichts von den primitiven Groupie-Spielchen irgendwelcher Rockbands, schließlich geht's bei uns nicht um Arschwackeln mit Gitarre, sondern um Inhalte; oder wie Kollegin Sarah Schmidt einmal sagte: »Vor allem knackig muß er sein.... - Aber auch nicht zu doof!«
Ich möchte mit einem versöhnlichen Wort Götes schließen:
Was wär ich ohne dich, Freund Publikum:
All mein Empfinden Selbstgespräch
All meine Freude stumm.
Ich danke Ihnen für ihre Hörig... äh, Aufmerksamkeit... - Für's Zuhören.