Funny van Dannen: Die Diskussion
Wir hatten unsere Freunde Rolf und Peggy besuchen wollen. Wir hatten geklingelt, und Peggy hatte aufgemacht. Tut mir leid, hatte sie gesagt. Ich kann euch leider nicht reinlassen. Wir sind beschäftigt. Beschäftigt?! staunten wir. Sonst hängt ihr doch um diese Zeit nur vor der Glotze rum!
Und wenn schon, sagte Peggy. Wir sind jedenfalls beschäftigt. Was macht ihr denn, fragte Hildegard. Trinkt ihr Kaffee, oder was? Wir testen neue Kommunikationsmodelle, sagte Peggy. Sie schloß die Tür. Nun standen wir doof da! Wie sollten wir uns jetzt die Zeit vertreiben? Wir überlegten, aber es fiel uns nichts ein. Was haben uns die Scheißlehrer auf der Schule eigentlich beigebracht? fragte Jörg. Nie haben wir Ideen!
Bei so vielen Schülern, sagte ich, können nicht alle selber auf Ideen kommen. Ich wußte nicht, wieso ausgerechnet ich die Lehrer verteidigte, aber ich glaube, es ging auch um Gerechtigkeit, und Hildegard gab mir recht. Bei diesen Massen, meinte sie, wäre es ganz natürlich, daß manche gar nichts lernten, nicht mal, wie man sich richtig wäscht.
Dafür sind die Lehrer auch gar nicht zuständig, wandte Jörg ein. Das müssen die Eltern leisten. In einer Leistungsgesellschaft müssen alle ran, auch Eltern. Das sahen Hildegard und ich ganz anders. Wir hatten beide mit nur einem Elternteil auskommen müssen. Unsere Eltern hatten wenig Zeit für uns gehabt, und wir fanden beide, daß Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder schon genug zu tun hätten und daß sie selber ganz viel Liebe bräuchten.
Aber die meisten Eltern finden Leistung wichtiger als Liebe, sagte Jörg. Sie arbeiten lieber, als daß sie ihren Kindern Gesellschaft leisten! Er setzte sich auf die Stufe vor der Haustür. Auch Hildegard und ich sahen uns jetzt um. Wir wollten uns beide nicht einfach neben Jörg auf die Treppenstufe setzen, wahrscheinlich wegen unserer gegensätzlichen Positionen. Es gab aber im Grunde keine andere Sitzgelegenheit als den Boden mit den Waschbetonplatten. Wir gingen beide in die Hocke, legten uns aber schließlich hin, weil wir locker bleiben wollten. Liebe, nahm Hildegard den Faden wieder auf, ist ja auch eine Leistung und Leistung ist auch irgendwie Liebe!
Ich wollte ihr spontan widersprechen, doch mir fiel so schnell nichts ein. Und dann hatte ich das Gefühl, sie hätte unser Gespräch mit diesem Satz ganz bewußt auf einen toten Punkt bringen wollen, weil es ihr peinlich war, vor Peggys Haus herumzulungern. Jörg sagte nett: Nein, Hildegard, das stimmt nicht. Was haben denn die Weltrekorde im Sport zum Beispiel mit Liebe zu tun, außer mit der Liebe zum Sport vielleicht.
Ja, ist denn Liebe zur Leistung keine Liebe, erwiderte Hildegard. Was glaubst du denn, hat unserer Gesellschaft zum Wohlstand verholfen. Ihre Leistung oder ihre Liebe?
Ich finde, man kann das eine nicht vom anderen trennen, rief ich jetzt einfach mal dazwischen. Ich hatte diesen Satz schon oft in Talk-Shows gehört, und er paßte fast immer, weil ja wirklich alles irgendwie zusammenhängt. Und dann kam Jörg mit Jesus, ausgerechnet Jesus! Der hat auch nichts geleistet! rief er. Und die Wunder, fragte Hildegard. Und seine Popularität bis heute? Ist das nichts? Glaubst du, daß in 2000 Jahren noch jemand Henry Maske kennt oder die Spice Girls? Sogar der Bundeskanzler und der Papst werden in 2000 Jahren höchstens noch dem Namen nach bekannt sein! Charisma ist nicht alles!
Na, meinte ich, Charisma ist schon allerhand! Dieser Zauber der Person kann Berge versetzen. Hatte Hitler auch Charisma, fragte Jörg. Wir dachten nach. Wir wollten objektiv sein, aber Charisma gönnte ihm irgendwie auch niemand. Er war fanatisch! sagte Hildegard. Wir nickten. Aber geleistet hat er schon was, räumte ich leise ein. Aber nicht aus Liebe! rief Hildegard. Ihn trieb der blanke Haß! Ich kenne mich mit so Leuten gar nicht richtig aus, bekannte Jörg. Sie sind mir fremd und unheimlich zugleich. Hitler genauso wie Jesus. Schon wieder Jesus! stöhnte ich. Sie standen gerne im Mittelpunkt, mutmaßte Jörg. Und außerdem glaube ich, daß sie oft für ganz andere Sachen herhalten müssen. Wie meinst du das? fragte ich.
Na, ja, sagte Jörg, als Kind war Hitler sicher auch noch kein Arschloch. Doch, sagte Hildegard. Das glaub ich schon, von wegen Kinder an die Macht! Die sind genauso wie die Großen. Sie winkelte ihr rechtes Bein an und fuhr fort: Das ganze Monster ist im Kind schon angelegt. Ja, angelegt, rief ich. Aber diese Anlagen kann man beeinflussen! Natürlich, sagte Hildegard fast böse. Das kann man. Damit ist mein Onkel reich geworden.
Dein Onkel!? staunten Jörg und ich. Was macht er denn?
Er ist Anlagenberater, sagte Hildegard.
Jörg sah mich an. Wir waren beide sauer.
Noch so ein Kalauer, drohte Jörg, dann kannst du hier alleine weiterdiskutieren. Ach ja! stöhnte Hildegard, entschuldige bitte. Ich wollte kurz mal lustig sein, die Atmosphäre ein wenig auflockern.
Auflockern!!! brüllte Jörg. Diese verdammte Lockerheit geht mir mächtig auf den Sack! Kommt jemand locker auf die Welt? Ich pflichtete ihm bei. Ja, diese Lockerheit ist unnatürlich! Wie du tanzt, ist unnatürlich! griff Hildegard mich an. Diese eckigen Bewegungen sind ätzend!
Das ist mein Stil, verteidigte ich mich. Das mußt du schon mir überlassen, wie ich tanze!
Keine Sorge, rief Hildegard. Ich bin schon weg! Ich kann euch keine Sekunde länger ertragen! Euer Halbwissen kotzt mich an! Alles ist nur bruchstückhaft vorhanden, wenn überhaupt! Keinen Gedanken könnt ihr zu Ende führen, ihr labert wie Politiker!
Sei nicht hysterisch, sagte Jörg.
Ich bin nicht hysterisch, du kleiner protestantischer Wichser! brüllte Hildegard. Seit Wochen versuche ich, euch etwas von meiner Lebensfreude zu vermitteln, und von euch kommen nur Sprechblasen!
Du bist die Fachfrau! sagte ich. Das ist ein Job wie jeder andere. Wenn dir als Freizeitgestalterin nichts besseres einfällt, als mit uns beiden deine Schwester zu besuchen, ist das nicht unser Bier. Du wirst ja auch bezahlt dafür!
Jörg war aufgestanden und sagte, ich habe Hunger. Wir hatten alle Hunger. Gut, sagte Hildegard. Ich schmeiß 'ne Runde Pommes mit Majo und Malzbier. Ieh, ächzten Jörg und ich. Warum kein echtes Bier? Keine Macht den Drogen! lachte Hildegard und schubste uns zum Auto.