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Manfred Maurenbrecher: Gegenteil reden

Ich fahre mit dem siebenjährigen Max im Autobus kreuz und quer durch die Stadt. Das machen wir häufig und gern, aber manchmal wird es auch langweilig. Eine Weile freue ich mich daran, wie die anderen Passagiere mich mitleidig für einen alleinerziehenden Arbeitslosen halten, wenn ich zum Beispiel laut frage: »Sollen wir hier schon aussteigen, oder doch noch bis Lichterfelde zur Endhaltestelle?«

»Hier noch nicht«, findet Max.

»Aber guck mal, da in der Bar unten, da wäre grade eine Happy Hour!«

»Papa, was ist Happy Hour?« fragt Max, und den anderen Passagieren wird unbehaglich.

Wenn uns das langweilig wird, spielen wir Gegenteil reden. »Ich bin so satt, ich krieg heut bestimmt nichts mehr runter.« - »Toll, wie die S-Bahn wieder so sauber ist...« - »Ja, und so'n super Fahrer...« Heißt im Klartext: So verdreckt wie diese Kiste von Bus, das ist schon allerhand, und der Fahrer ist genau so, wie sein Unternehmen es von ihm erwartet - eben grad hat er jemanden angeschrien, der hinten einsteigen wollte. »Nichts ist so überflüssig auf dieser Welt wie eine Höflichkeitsschulung der BVG«, sage ich laut und ernte ein Stirnrunzeln um uns herum. Max will mich noch übertrumpfen: »Alles ist so überflüssig auf anderen Welten wie keine Höflichkeitsschulung der Nicht-BVG«, ruft er - und das ist wirklich ein Problem bei dem Gegenteil reden: Man muß sich auf eine bestimmte Grenze einigen, hinter der man normal bleibt, sonst gerät man ins Abseits.

»Guck mal, die nette alte Dame da«, flüstere ich Max ins Ohr und zeige auf eine Rentnerin, die ihre zwei Einkaufstüten entschlossen umklammert hat und uns mit zugebissenem Mund schon eine Weile mißgünstig ansieht, weil wir so laut sind wahrscheinlich.

»Du meinst das junge Mädchen - mit den Kußlippen«, lacht Max - das war natürlich clever von ihm, alle Achtung. Jetzt hält es die Alte nicht länger aus. »Und dann wundert man sich, wenn sie später Automaten knacken«, sagt sie in unsere Richtung.

Ich muß ja zugeben, daß mich solche Meinungsäußerungen zuweilen froh machen, vor zwanzig Jahren waren sie häufiger, man ist schließlich groß geworden mit sowas - und deshalb fällt es mir gar nicht schwer, galant den Kopf zu drehen und ihr zu antworten: »Gnädige Frau, das war aber treffend bemerkt.«

Zeichnung von Sabine Meyer

»Mit Ihnen hab ich doch gar nicht gesprochen«, knurrt die Alte jetzt zu uns rüber, und Max fragt begeistert: »Spielt die mit!?«

»Ich glaube - schon«, sage ich, im letzten Moment unsere Spielregel einhaltend.

»Ich werd dir was husten, verzogenes Balg«, brabbelt die Alte und vergräbt sich wieder in ihre Tüten. Das wirkt natürlich wie eine Liebeserklärung. Max versucht sie im Folgenden davon zu überzeugen, er sei eigentlich 64 und ich noch in der ersten Klasse, und wir wohnten beide ohne eine Mama in Afrika - und jedes gemurmelte Wort, jede Abwehrbewegung der Rentnerin hält das Gespräch in Fluß, stiftet neue Erfindungen, regt zum Gegenteil an. Es ist schon ein Rätsel und Wunder um die menschliche Kommunikation.

Irgendwann sagt die Alte: »Zu meiner Zeit wäre sowas undenkbar gewesen« - ein nach beiden Sinn-Regeln hin vollkommen richtiger Satz - und Max ruft begeistert zurück: »Aber deine Zeit kommt doch erst noch!«

Jetzt, finde ich, wäre Aussteigen angesagt. »Tschüß, blöde Kuh, altes Arschloch«, verabschiedet mein Sohn sich begeistert, ich schubse ihn die Treppe runter und raus - und habe einmal mehr die schwere Aufgabe vor mir, ein wenig von der nötigen Distanz zu vermitteln, die es im Leben zu wahren gilt - ob man nun die Wahrheit sagt oder im Gegenteil redet.

Copyright: Manfred Maurenbrecher

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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