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Holm Friebe: Hinterm Bett

Was sich so ansammelt, im Laufe der Jahre, hinterm Bett - nebst den Wollmäusen jetzt mal, die ja eh von selbst kommen, wogegen aber prinzipiell nichts einzuwenden ist, beziehungsweise ganz im Gegenteil hat das durchaus seine Richtigkeit und sein System, wenn Wollmäuse in kompakter Form und in Rudeln auftauchen, weil sie sich so weitaus leichter einsammeln und entfernen lassen, als wenn das ganze Gewöll lose rumläge: kryptische Zettel, nicht mehr zuordenbar, in der Regel nicht mal mehr zu entziffern, unverständlich wie Botschaften aus einem anderen Kosmos, aus einem anderen Sonnensystem vielleicht sogar; dann die toten Motten und Falter: irgendwann unbemerkt ins Zimmer gekommen, zu doof gewesen, um wieder auf dem selben Weg, durchs offene Fenster nämlich, rauszufliegen, stattdessen stundenlang nervig umeinandergeflattert, an die Wand gesetzt und irgendwann vor Erschöpfung oder Nahrungsmangel oder Tapetenvergiftung wasweißich hinters Bett gefallen, ebenfalls unbemerkt, versteht sich, man hat ja besseres zu tun, als den ganzen Tag Motten ansehen und darauf warten, bis sie irgendwann abschmieren; die obligatorischen Aufreißecken der Präserpackung: der Rest wurde stets anderweitig entsorgt, aber die Schnipsel wandern immer hinters Bett, das ist so eine Art Naturgesetzmäßigkeit; Kronkorken, selbstverständlich Kronkorken; das lederne Armbändchen, das im Eifer des Gefechts irgendwann einmal abhanden kam: eine Zeitlang wurde es gesucht, dann für spurlos verschollen erklärt, die Dame vermißt es heute noch; die Kulis mit Werbeaufdrucken von Firmen, deren Gläubiger längst die dürftige Konkursmasse unter sich aufgeteilt haben und deren Namen aus sämtlichen Handelsregistern getilgt sind; Dreck, ganz normaler Dreck; schließlich die völlig undefinierbaren Gegenstände, bei denen im Verborgenen ruht, welchen und ob sie jemals einen Zweck erfüllt haben, welche Person sie gegebenenfalls zu diesem benutzte, Herkunft, Abstammung und Material, vor allem, wie sie hier hinters Bett kommen: das alles zu beantworten, zu beschreiben oder einfach nur aufzuzählen und nachzuhalten, ist das nicht die eigentliche, die einzige Aufgabe, die Literatur je besessen hatte? Mehr noch: Endzweck und Bestimmung jeder Literatur? Historischer End- und gleichzeitig Höhepunkt?

Irgendwie nicht.

Copyright: Holm Friebe

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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