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Ahne: Steuerlos durch die Stratosphäre

Hab mir vorhin Steuerlos durch die Stratosphäre gekauft. Ein kleines buntes Büchlein, vollgepackt mit Science Fiction Utopie aus den 50ern. Glatte zwei Mark legte ich dem Thekenmenschen auf die Bezahlplatte dafür. Er lachte, denn er war ein fröhlicher Mensch, das sah man gleich an seinem längs gelb durch die Mitte kariert gestrickten Anziehsachenpullover. Ein Wink, und ich verschwand im Schatten der Sterne.

Ich suchte mir Schutz, um mir mein kleines Büchlein durchzulesen. Und was soll ich sagen, in diesem Buch stand praktisch dasselbe drin, was ich schon mal als kleines Kind im Schlaf geträumt hatte. Nämlich, eine korrupte, menschenverachtende Demokratiediktatur im Unschuldsmäntelchen hatte sich erhoben über das Volk. Und das Volk waren wir einfachen Menschen. Wie du und ich. Das Volk also darbte vor sich hin. Hatte kaum noch Butter im Schrank, ebensowenig wie Wurst oder Kleber. Schwarzfahren kostete sage und schreibe 60 Mark. Und doch wagte es niemand zu widersprechen oder gar die Regierung zu verprügeln. Man guckte lieber Fernsehn, denn das hatte die Soldateska als Tradition verbreitet und praktisch erlaubt. Nur damit alle eingelullt werden wie in Pannesamt. Klaus und Rita schauten TV genau wie Max und Scheherezade. Und was schauten sie?

Man erzählte ihnen mittels Roboternachrichtenmännekens von Revolten in anderen Ländern, die leider nicht so eine schöne Regierung hätten wie sie. Sowas kam in den Nachrichten.

Und Scheherezade und Max und Rita und Klaus freuten sich über das Glück, das sie hatten, mit ihrer wunderschön frisierten Regierung, und vergaßen die butterlose Butterdose im Schrank. Die Butterdose verhielt sich in der Kammer zur selben Zeit angespannt und traurig. Sie wollte zwar mit dem Dosenöffer auf Tour gehen, aber sie wußte nicht wie. Sie hatte keine Füße, und selbst wenn sie welche gehabt hätte, es wäre zwecklos gewesen. Kein Antrieb in ihr drin, der die Dinger bewegen würde. Der Dosenöffner wußte auch keinen Rat. Er war doof.

So war die Butterdose eben traurig und leer. Keine Butter drin, wegen der Regierung, die alles so teuer gemacht hatte. Für eine normale Familie praktisch unmöglich, Butter zu kaufen. So große Geldschein gab es gar nicht, und außerdem waren fast alle arbeitslos.

Bis natürlich auf Polizei, Armee und Bonzendiener. Die hatten Arbeit und verdienten einen Haufen Schotter. Die waren froh wegen dem Geld. Und die anderen vorm Fernseher waren auch froh wegen den Scheininformationen im Nachrichtenprogramm. War ja eigentlich alles gut in dieser Trottellummenrepublik, wie ich sie hier mal nennen will. Den richtigen Namen darf man aus urheberschutzrechtlichen Gründen nicht sagen.

Ansonsten steigt der Autor samt Verlag und deren Kumpels mir noch symbolisch auf's Dach und brüllt: »Du Schuft! Nimm das! Ratatatata!« Symbolisch natürlich. Aber im Ernst: Das ist klar. Hier eine Geschichte. Da ein Roman. Überschneidungen im Wortlaut. Polizei. Justiz. Urteil. Gefängnis vielleicht. Aber zumindest Geschichtenschreibverbot. Und das wegen eines Namens. Da könnte man schon mal wütend werden. Tu ich nicht. Ich bleib auf dem Boden der Tatsachen von dem Utopieroman, der gleichzeitig mein Traum als frühes, fast noch ungeborenes Kind war.

Zeichnung von Sabine Meyer

Es müßte ja eigentlich allen Menschen in diesem Reich des Schattens oder der Unwissenheit, wie gesagt, gut gehen. Doch dann kommt plötzlich, durch einen Fehler im System, der ja immer mal passieren kann, heraus, daß die gutfrisierte Regierung, samt ihrem ganzen Land und allem was da noch so dranhängt, der Butterdose, dem tropischen Regenwald und auch der Weltkugel, steuerlos durch die Stratosphäre schießt. Den Menschen, die das sehen im Fernsehn, gehn plötzlich die Augen auf. Sie wurden also verarscht, die ganze Zeit. Na klar! Einige erinnern sich jetzt auch daran, daß sie kein Geld für Butter haben und die hohen Schwarzfahrkosten. Doch dann ist das Buch zu Ende. Es bleibt ein schönes buntes Bild, was der Autor oder ein Freund hinten reingemalt hat, vielleicht als Entschuldigung für das ungewisse Ende.

Wenn ich mich recht erinnere, stoppte mein vorpubertärer Kindheitstraum zur selben Zeit, nämlich als meine Mutter ins Zimmer hereingestürmt kam, mich aus dem Bett riß und rief: »Schön, daß es uns allen so gut geht!« Ob meine Mutter damals getrunken hatte, weiß ich nicht mehr.

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:08
erstellt von jero

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