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Hinark Husen: Enuresis ist heilbar

Die widerliche Fratze beugte sich so dicht über mein Gesicht, daß ich ihren feuchten Atem spürte und einen süßlichen Geruch wahrnahm. Eine Mischung aus Schokolade und abgestandenem Früchtetee. Ihr breites Grinsen legte unzählige kleiner, teilweise schwarzer Zähnchen frei. Hier und da taten sich Lücken auf, aus denen Sabber auf meine Nase tropfte. Die kleinen, dunkelbraunen Augen blitzen vor fanatischer Vergnügungssucht. Ich konnte mich nicht bewegen, mindestens vier andere ähnliche Gnome hielten mich an Armen und Beinen auf der Matratze fest. Überall, selbst durch meine Kleidung vermeinte ich ihre winzigen, dreckigen Hände zu spüren, von denen die eine oder andere nicht abließ, mich zu kneifen. Nicht fest, sehr unangenehm jedoch allein durch die ständige Wiederholung. »Wir haben dich, wir haben dich« klang es unisono mit quiekenden Stimmen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als daß dies alles nur ein böser Alptraum sei, aber vergebens. Der Kindergartenalltag hielt mich wieder in seinen garstigen Klauen und die Kinder spielten in freudigem Überschwang das lustige Wir-kleben-am-Erzieher-Spiel. Mit mir können sie's ja machen, ich bin nur die unausgebildete Krankheitsvertretung: Anfang des Jahres vier Monate lang für eine Kollegin mit Nervenzusammenbruch, jetzt schon die dritte Woche für eine andere mit Magengeschwür. Bin mal gespannt, was als nächstes dran kommt.

Aber es sind ja nicht nur die Erwachsenen mit ihren Problemen. Das Kind, das beim Klebespiel auf meinen Beinen sitzt, hat ein Enuresis-Problem, und just in jenem Moment werde ich aufgrund eines durchdringend feuchtwarmen Gefühls mit aller Heftigkeit daran erinnert. Nun gibt es viele Menschen, die ein absolut unverkrampftes Verhältnis zu menschlichen Ausscheidungen haben. Ich bin da noch nicht soweit. Ich finde Kinderpipi auf meiner Jeans unangenehm, und so wird es wohl auch bleiben.

Eigentlich ist das ja ein trauriges Thema, wissen doch aufgeklärte Leute, wie wir es ja sind, daß das Einnässen in den allermeisten Fällen - im Gegensatz zur berühmten nassen Oma - ein Symptom für seelische Probleme ist. Ich will mal ein praktisches Beispiel aus dem Alltag geben. Kürzlich hatten wir ein Puppenspielerduo in der Kita zu Gast, das das Stück Der Kobold Friederich zum Besten gab. Es handelte von einem umtriebigen Burschen, der von seinem König beauftragt wurde, das fast völlig verdorrte Land mit frischem Wasser zu versorgen. Nach einigen Unternehmungen gelingt das auch. Die Kinder hatten ihre große Freude an dem Stück, und als sich die Horde von ihren Sitzplätzen erhebt, entdecken wir auf einer Matratze die typischen Hinterlassenschaften eines Spieleifer-Enuretikers. Die Thematik muß das beeindruckte Kind derartig mitgenommen haben, daß es schon bei der ersten Erwähnung der großen Dürre mit dem großen Wasserlassen begonnen hatte. Natürlich ist dies ein idealtypischer Fall. Es muß nicht zwangsläufig von Wasser die Rede sein.

Hier darf ich einmal den Kindergarten heute zitieren, die Fachzeitschrift für Erziehung im Vorschulalter, Ausgabe 8/93. In ihrem bemerkenswerten Artikel Mit der Blase weinen - Der Signalcharakter des kindlichen Einnässens schreibt die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel auf Seite 44 über das Spieleifernässen: »Es ereignet sich in intensiven Beschäftigungssituationen. Das Kind ist längere Zeit nicht auf der Toilette gewesen. Dem Beobachter sind bereits eindeutige Hinweise auf Harndrang aufgefallen. Zusammenpressen der Schenkel, tänzelnder Gang, unruhiges Trippeln auf der Stelle, bei Mädchen auch Hocken auf der Ferse.« Im Gegensatz dazu unterscheidet Frau Haug-Schnabel das Konfliktnässen. Hier ereignet sich ein Einnäßzwischenfall nur ausnahmsweise bei voller Blase und ist von deren Füllmenge völlig unabhängig. Negative Erlebnisse lösen die Harnabgabe aus. Kurz nach einem Mißerfolg oder einer Auseinandersetzung, nach Wut und Tränen spielt das Kind nicht weiter, zieht sich zurück und näßt ein. Der Konfliktnässer, so schreibt Frau Haug-Schnabel zurecht, ist der typische Tagnässer.

So bin ich natürlich im Kindergartenalltag versucht, die Zeit so konfliktfrei wie möglich zu gestalten. Es passiert mir inzwischen nur noch sehr selten, daß ich im plötzlichen Ärger einem Kind gegenüber sage: »Ich wünschte, deine Mutter hätte dich nie geboren!« Das sind typische Anfängerfehler, die sich mit der Zeit legen.

Davon abgesehen ist die Enuresis ja noch ein sehr diskretes Signum seelischen Leidensdruckes. In meiner Zeit als Zivildienstleistender in einem niedersächsischen Kinderheim habe ich einen sechsjährigen Autisten kennengelernt, der jeden Tag sein Mittagessen an die Fensterscheiben geschmiert hat. Und das nicht etwa, weil er an Appetitlosigkeit litt. Er hat immer alles aufgegessen, aber sein Magen schien ihm irgendwie nicht der richtige Aufbewahrungsort für all die deutsche Hausmannskost, und so beförderte er den Nahrungsbrei wieder ans Tageslicht, um damit als Fingerfarben-Ersatz Fensterbilder zu erstellen. Er malte in erster Linie abstrakte Linienkompositionen. Aus Kinderzeichnungen kann man ja sehr viel herauslesen, mir fehlte allerdings dazu ein wenig die Muße, war doch die olfaktorische Komponente einer intensiveren Analyse ausgesprochen abträglich.

Da hat man es mit einnässenden Kinder doch erheblich leichter. Ihre Bilder sind in der Regel trocken angefertigt und im Geruch unaufdringlich.

Was sollen Sie aber nun tun, wenn sie ein tagnässendes Kind zuhause haben, werden Sie jetzt zurecht fragen. Zunächst erst einmal die beruhigende Mitteilung: Kinder in den ersten Lebensmonaten nässen sehr häufig ein, und zwar bis zu 30 mal am Tag. Hier können in fast allen Supermärkten erhältliche Windeln sehr hilfreich sein. Ist das Kind älter und eine Blasenkontrolle eigentlich möglich, beobachten Sie es genau, um den Typus herauszufinden. Beim Konfliktnässen haben Sie schlechte Karten. Am besten, Sie geben das Kind in eine Kita oder zu Tageseltern und stecken es zu Hause immer gleich ins Bett. Konfliktnässer pinkeln grundsätzlich nicht im Schlaf.

Relativ problemlos kriegen Sie den Spieleifer-Enuretiker wieder trocken. Im gutsortierten Fachhandel gibt es sogenannte Klingelhosen, die beim kleinsten Urintropfen ein Warnsignal abgeben. Das Kind wird sehr schnell lernen, den unangenehmen Ton mit dem Harndrang in Verbindung zu setzen und die Toilette aufsuchen. Achten sie aber darauf, daß sich die Hose nicht wie ihr Haustür- oder das Telefonklingeln anhört. Das könnte bis in die Pubertät hinein zum sogenannten Schreck-Urinieren führen, ein Phänomen, das sich als äußerst therapieresistent erwiesen hat.

Zeichnung von Sabine Meyer

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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