Bov Bjerg: Wie kifft eigentlich die Toskana-Fraktion?
Jango kommt ins Zimmer mit einem braunen Glas in der Hand: »Willste mal proben?« Ralf nickt genießerisch. Jango öffnet die Fenster. »Als allererstes: lüften. Draußen klare Frühlingsluft. Die muß rein. Drinnen Zigarettenqualm, Kochdünste, Schweiß. Das muß raus.«
Eine sonnige Wohnung in Prenzlauer Berg, sanierter Altbau. Die Dielen sind abgezogen und gewachst, aber noch nicht nachgedunkelt. Jango ist erst vor kurzem hier eingezogen. Eine schwarze Ledercouch, davor ein kurzbeiniger, mattpolierter Edelstahltisch.
Ralf baut auf dem Couchtisch die Requisiten auf. Ein Holzteller, eine Flasche Mineralwasser, Hanfblättchen und allerhand mehr.
»Die Teller sind aus kanadischem Kiefernholz, das verhält sich geschmacklich am neutralsten. Fünf Jahre alt, trocken gelagert bei höchstens 18 Grad. Das Wasser zum Antesten kommt aus den Dolomiten. Wenn du nicht gerade beim Antesten bist, trinkste natürlich was anderes, englisches oder belgisches Wasser. Je nach Gras. Manche trinken auch Saftschorle dazu, aber das find ich ziemlich prollig. Da geht dir der ganze Geschmack flöten. Und wenn ich rauche, dann will ich mich ja nicht sinnlos zudröhnen.«
Ralf wäscht sich die Hände und öffnet das Glas. Er fischt eine Dolde heraus. »Sproßblatt blaßgrün, naja, das muß nichts heißen. Der Fuß des Blattes etwas holzig, also ungleichmässige Hitzeentwicklung. Du mußt die Tüte beim Rauchen gut kühlen, damit das Gras nicht schneller verbrennt als das Holz. - Blütenblätter weiß gestreift...«
Er zerdrückt die Dolde mit spitzen Fingern und schreit auf: »Samen! Oh, mein Gott, lauter Samen! Samen im Gras, das ist wie Korken im Wein. Furchtbar!«
Jango schaut irgendwie ertappt aus der Wäsche. Ralf schüttelt die Cannabisblättchen auf seiner flachen Hand hin und her, dann senkt er seine Nase darüber und atmet tief ein. Er scheint wieder versöhnt.
»Etwas skunkig. Aber kaum Harz. Fruchtig. Leichter Geruch nach feuchtem Waldboden.«
Jango grinst: »Und?«
Ralf riecht noch einmal. » Kräuter der Provence Aber das täuscht. Italien!«
Jango nickt.
»1990 oder '91.« Ralf streut das Gras auf den Holzteller, zerkleinert es ein bißchen und dreht eine Portion zum Joint. »Nimm niemals einen Filter! Das ist wie... Wie Zigarre rauchen mit Mundstück!« Ralf raucht das Gras natürlich pur.
»Wer gutes Gras mit Tabak streckt«, sagt Ralf immer, »der macht auch Grog aus zwanzig Jahre altem Rum!«
Der Joint ist jetzt eigentlich fertig. Aber Ralf geht noch einmal ans Fenster, um einen tiefen Zug von der klaren Frühlingsluft zu nehmen, dann walkt, wuzelt und zuzelt er noch einmal an der Tüte herum. Er leckt sie rundrum ab und zündet eine Kerze an. Mit einem Holzspan, »Kiefer, genau wie das Brettchen«, nimmt er die Flamme von der Kerze ab und hält sie an die Spitze des Joints. Er leckt sich noch einmal die Lippen, nimmt einen tiefen Zug und bläst den Rauch gleich wieder aus: »Der erste Zug täuscht immer. Der Ruß vom Holzspan, das überschüssige Papier, usw.«
Ralf nippt am Wasser, spült sich den Mund aus und setzt nochmal an. Er zieht kräftig, bis sein Mund halb voll Rauch ist, dann beginnt er mit der Zunge den Rauch im Mund hin und her zu schieben und darauf herumzukauen. Den Rauch, der sich nicht mit seiner Spucke verbunden hat, entläßt er in einem kleinen Wölkchen, das er mit der Nase wieder einsaugt. Er schmatzt und schmeckt nach: »Marken? Fast schon Umbrien!«
Jango nickt. Ralf nimmt jetzt einen tiefen Lungenzug, dann meditiert er drauf los: »Strohig. Hinten auf der Zunge eine Spur Lavendel. - Kalkiger Lehmboden... Eigentlich mehr was für... Dinkel!«
Jango: »Und?«
Ralf zieht zweimal, dreimal, durch seinen Körper geht ein kleiner Ruck: »Foglio Beneve, Südostlage!«
Jango nickt.
»1991!«
Jango nickt, Ralf lacht: »Eine Sünde, das jetzt schon zu rauchen. Das ist doch erst in zwei, drei Jahren richtig gut!«