Andreas Scheffler: 2002 - Das Jahr, an dem ich mir Arbeit suche
Im Jahre 2002 wird es wohl so weit sein, daß ich mir eine anständige Arbeit suchen muß. Freunde, die mich wintertags zu Hause besuchen, bringen inzwischen jeder freiwillig ein Brikett mit, gelegentlich bekomme ich ein Stück Seife zugesteckt, und die Schecks von Mutter gehen regelmäßig dafür drauf, meine Kneipendeckel zu begleichen. Es hilft nichts; ich muß anständig arbeiten.
Mit einem mulmigen, aber auch hoffnungsvollen Gefühl betrete ich das Arbeitsamt in Lichtenberg. Die erwartungsgemäß sterilen Flure sind überfüllt mit Menschen, die sich vor zwei einsamen Türen ballen. Alle tragen Aufnäher mit einem großen T auf der Brust. Was sollte das? Forderte der zur Zeit bodenlose Absturz der T-Aktie solche hanebüchenen Werbemaßnahmen? Als ich ziellos an der Personaltoilette entlangschlendere, stoße ich beinahe mit einer jungen Beamtin zusammen. Sie sieht mich skeptisch an und fragt dann herausfordernd: »Wo ist denn Ihr T?«
Ich zeige mich verständnislos, und sie fragt weiter: »Wie heißen Sie denn?«
»Scheffler, ich will mich beraten lassen.«
»Ja, das ist Pech. Heute ist nur T dran. SCH war gestern.«
»Wie bitte? Sie haben jeden Tag nur einen Buchstaben?«
»Nicht ganz. PQ und XY haben wir zusammengelegt. Aber anders geht es nicht; Personalmangel.«
Da raffe ich mich auf, fahre nach Lichtenberg, und nun soll ich in etwa vier Wochen nochmal wiederkommen? Ich will mich gerade empören, da entschuldigt sie sich und ist auch schon verschwunden. So gehe ich nicht von hier weg. Stattdessen recherchiere ich mühsam unter den anwesenden Arbeitslosen die Zusammenhänge.
Alles begann im Jahre 1997, als Bundesinnenminister Kanther durchdrückte, daß krankfeiernde Beamte mit Kontrollbesuchen zu rechnen hatten. Nahmen sie das Feiern wörtlich oder hüteten sie ordnungsgemäß das Bett? Dies hatte zur Folge, daß sich der arbeitende Personalbestand drastisch verringerte, da zu den Kranken auch noch diejenigen abwesend waren, die gerade einen Hausbesuch durchführten. Diese Besuche waren im übrigen sehr beliebt, denn in der Regel bekam man etwas angeboten und hatte Gelegenheit zu einem ruhigen Gespräch von Mensch zu Mensch. Dummerweise steckten sich - gerade in der Grippezeit - viele der Besucher an, mußten nun ebenfalls zu Hause bleiben, wurden jetzt selbst kontrolliert und so weiter. Die Situation verschlimmernd kam noch hinzu, daß die Kontrollen in der Regel von Vorgesetzten durchgeführt werden sollten. Als Folge davon herrschte in den Amtsstuben ein allgemeines laissez faire, denn ist die Katze aus dem Haus, tanzen bekanntlich die Mäuse auf dem Tisch.
1998 wurde zusätzlich ein Ergänzungsgesetz verabschiedet, nach dem Beamte mit empfindlichen Geldstrafen zu rechnen hatten, wenn sie außerhalb ihrer Betten angetroffen wurden. Dieser Gesetzesabsatz sorgte in der Koalition zunächst für große Kontroversen, doch als die FDP den Kompromiß durchsetzte, daß die Kosten für Bettpfannen und Enten von der Steuer abgesetzt werden konnten, glätteten sich die Wogen, und die FDP erhielt sich einen Gutteil ihrer Wählerschaft. Wenig später diskutierte man, wie mit Alleinstehenden zu verfahren sei, die zwangsläufig ihr Bett verlassen mußten, um die Haustür zu öffnen. Kurz darauf boomte die Wechselsprech- und Türschließanlagenindustrie wegen eines gewaltigen Regierungsauftrags zum Einbau ihrer Geräte in Beamtenschlafzimmern.
Nur die Ämter blieben weiterhin verwaist, was die Regierung unter dem Stichwort schlanker Staat freudig begrüßte. Auch die SPD betonte die Mitverantwortung der Bürgerinnen und Bürger.
So war das also damals. In der U-Bahn beschließe ich, tatsächlich in vier Wochen wiederzukommen. Ich werde eine Umschulung beantragen.