Horst Evers: Zettelwirtschaft
Wohin ich auch schaute, überall nichts als gelber Sand und schwirrende Hitze. Mein Hals war völlig ausgedörrt, meine Haut brannte, und meine Knie waren aufgescheuert vom stundenlangen Kriechen durch den brennend heißen Wüstensand. Plötzlich jedoch erblickte ich genau vor meiner Nase eine Pfütze. Wasser! Ich ließ mich fallen und fuhr mit meiner Zunge lang durch den erfrischenden Quell... - Aber er war staubtrocken und knirschte zwischen den Zähnen. Sand, nichts als Sand. Verdammt, es war eine Fata Morgana gewesen. Eine ziemlich kleine Fata Morgana, wenn man's recht bedenkt, aber wahrscheinlich war mein Körper schon so schlaff und entkräftet, daß er sogar an den Wahnvorstellungen sparen mußte und es zu einer richtigen Oase nicht mehr reichte.
Ich kroch weiter und fiel vornüber. Ich rappelte mich wieder auf, blickte zurück und sah ein Bett, darin einige Zeitungen und einen feuchten Aschenbecher. Der unangenehme Geschmack in meinem Mund gab mir die Gewißheit, daß er wohl mein Wasserloch gewesen war. Öäahh. Kein guter Morgen. Manchmal wünsche ich mir wirklich, ich könnte mich nicht immer so verdammt genau an meine Träume erinnern.
Auch meine Stirn fühlte sich ungewohnt an. Ich betastete sie und bemerkte, daß an ihr ein Zettel klebte. Ich riß ihn herunter.
Guten Morgen Horst, die Antworten auf all deine Fragen stehen auf einem weiteren Zettel auf dem Schreibtisch.
Mühsam bewegte ich mich dorthin und las:
Hallo! Du heißt Horst Evers und bist hier zu Hause. Die ärmlich-geschmacklose Einrichtung deines Zimmers spiegelt relativ genau Deine momentane finanzielle Situation und Deine gesellschaftliche Stellung wieder. Du bist arbeitslos und hast zur Zeit eine einigermaßen schlappe Phase.
P. S.: Für gewöhnlich gehst Du nach dem Lesen dieser Mitteilung immer erstmal in die Küche und machst Dir einen Kaffee.
Ich erinnerte mich. Ich selbst hatte vor ungefähr zwei Monaten diese beiden Zettel geschrieben, um jeden Morgen die zwei Stunden Zeit zu sparen, die ich sonst immer brauchte, um mich an alle diese wichtigen Informationen selbständig zu erinnern. Wenn ich mehr Geld habe, werde ich jemanden einstellen, der mir diese Zettel vorliest. Das hält die Verwirrung geringer und ermöglicht Rückfragen.
Auf dem Küchentisch stand ein benutzter Teller, auf dem Herd eine übel zugerichtete Pfanne. Mist! Offensichtlich hatte ich wieder im Schlaf gekocht. Das wollte ich doch nicht mehr tun. Von den Lebensmitteln fehlte nichts, außer etwas Salz. Aber verdammt, wo war die Katze? Ach ja, zu ihrem Glück war sie schon vor Jahren ausgezogen. Vermutlich hatte ich mir also einfach eine Pfanne Salz gebraten und gegessen. Sicher, nicht jedermanns Geschmack, aber ich bin nunmal so erzogen, daß gegessen wird, was auf den Tisch kommt, erst recht, wenn man schläft. Wenigstens konnte ich mir nun das Traumdeuterlexikon sparen.
Ich setzte mich hin und begann nachzudenken. Nach zwei Stunden Nachdenken fiel mir wieder der Kaffee ein. Er war mittlerweile völlig kalt geworden. Kalter Kaffee soll ja angeblich schön machen. Naja, da war ich ja mal gespannt. Hastig trank ich die ganze Kanne leer und setzte mich vor den Spiegel. Stillsitzen und den Spiegel beobachten, ist ähnlich anstrengend wie nachdenken. Als nach einer halben Stunde noch nichts passiert war, fing ich an, den Spiegel zu schminken, hörte aber bald wieder auf, weil es mir irgendwie wie Selbstbetrug vorkam.
Ich heftete einen Zettel an den Spiegel: Kalter Kaffee macht nicht schön! Du hast das schon mal probiert. Es ist doch immer ein schönes Gefühl, schon einiges an Papierkram erledigt zu haben, bevor man seinen Tag richtig beginnt.