Holm Friebe: Schnabeltassenmassaker
Sie nannte ihn Wirtstier, weil sie sich bei ihm eingenistet hatte. Er nannte sie Schnabeltasse, nur so aus Scheiß.
Was sie zusammenhielt, waren die Goldfische, die in einem leeren runden Glas in der sonst leeren eckigen gemeinsamen Wohnung ein unfreiwilliges Dasein fristeten. Die beiden hatten sich geschworen, wenigstens so lange ein Paar zu bleiben, bis die Fische aus dem Haus wären, und daran hielt man sich. Immerhin mußten die täglich ihr Kraftfutter bekommen, das aus roten, beigen und braunen Flocken bestand, die in einer zylindrischen gelben Plastikdose mit rotem Deckel aufbewahrt wurden; an gemeinsamen Urlaub war nicht zu denken.
Wie bereits angedeutet, war die Wohnung sonst leer, weshalb es ziemlich hallte. Manchmal saß Schnabeltasse in einer Ecke des großen Zimmers, in dem in der Mitte das Goldfischglas stand, und machte Echospielchen. Dabei modulierte sie ihre Stimme und sandte kurze gepreßte Laute aus, die von den Wänden reflektiert wurden. Wenn dann Wirtstier ins Zimmer kam, um nachzuschauen, was dort solch einen Lärm verursachte, war ihr das stets peinlich und sie vergrub ihr Gesicht in den Händen, in der Hoffnung, daß er sie so nicht entdecken könne. Meistens ließ er sich darauf ein und fragte in die Leere des Raumes: »Hallo, irgendjemand da?« Wenn keine Antwort kam, sagte er »Tztztz« und ging wieder. Nur einmal hat er sie gepackt und geschüttelt und sie angeschrien, sie solle mit dem infantilen Gemache aufhören, sonst würde er die Goldfische auskippen oder schlimmeres, er habe nämlich zu arbeiten.
Wirtstiers Arbeit, wie er es nannte, bestand darin, ständig neue Namen für ständig dieselben Mensaessen zu erfinden. Zu seinen Sternstunden zählten Risibisi süß-sauer und natürlich die Pökelzunge Admiral, für die er sogar eine Auszeichnung bekommen hatte. Gar nicht so leicht das, sich immer etwas Neues einfallen zu lassen. Schnabeltasse indessen, geringschätzte seinen Beruf, war er doch weder dazu angetan, sie, noch den Goldfischbestand angemessen zu ernähren, geschweige denn, einen Lebensstandard zu ermöglichen, der ihrem Dafürhalten und ihrer gesellschaftlichen Stellung auch nur in Ansätzen gerecht... - Man kennt das ja.
