Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXII
Victor Orloff, ehemaliger Mitarbeiter der Staatssicherheit, arbeitet mittlerweile als Privatdetektiv. Sein Auftrag: »Finde die Pflanze, die Aids besiegt«. Viele Abenteuer hat er schon bestanden, viele Feinde besiegt.
Als wir ihn das letzte Mal trafen, saß er im Fond einer sechstürigen Lincoln-Limousine auf dem Weg nach L.A. Hen Ning (Henning) und Linda, seine amerikanischen Freunde neben ihm.
Folge XXII: Pest und/oder Cholera (Teil 1)
Von Test A. User, aus dem Amerikanischen in die Muttersprache übertragen von Hans Duschke
Ein warmer Sommertag, 14 Uhr. Im Hintergrund erkennen wir eine
gläserne Verandatür. Der Himmel ist hellblau. Im Vordergrund ein
Swimming-Pool. Gleißend die Bewegung des Wassers. Kalifornien.
Heiß ist es, flirrend die Luft, man hört Grillen zirpen. Ein Auto fährt
vorbei. Dann ist es wieder still, und du lauscht Millionen Menschen,
die um dich herum leben; aus dem Tal dringt Musik herauf.
Du nimmst das Handtuch von der Stirn, noch einen Schluck
Orangensaft, drei Schritte Anlauf: Splash!
Ich war noch unter Wasser, als das Telefon klingelte. Das Warten
hatte also ein Ende. Hen Ning, mein chinesischer Gastgeber am Apparat:
»Viktor, wir müssen uns treffen: In einer halben Stunde,
Kennedy-Memorial.« Er hatte aufgelegt, ehe ich ein Wort sagen
konnte. Ich ging rein, hoch in den ersten Stock; alles Chrom, die Wände
weiß, große Fenster, viel Licht. Ein großzügiges Anwesen, in dem ich
nun schon drei Wochen zu Gast war. Jetzt sollte es also
losgehen.
Ich war mir immer noch nicht sicher, was ich von meinen neuen
Freunden zu halten hatte: Hen Ning, ein durchaus rätselhafter Mensch
(wenn ich so sagen kann, ohne rassistische Stereotypen zu bedienen),
und seine nicht minder rätselhafte Begleiterin Linda. Die beiden
verfolgten ihre eigenen Interessen, hatten ihren eigenen Plan; worin
dieser bestand, weiß ich bis heute nicht. Sie hatten mich gerettet,
doch ihre Motive waren nicht so selbstlos, wie es schien.
Seit acht Tagen wurde die Villa observiert. Ich denke, mindestens
15 Mann waren im Einsatz; Kameras, Abhöranlagen, im Auto sitzen,
warten. Rund um die Uhr. In der Küche fand ich ein Mikrofon in der
Dunstabzugshaube.
Ich rührte mich nicht. Sprang hin und wieder in den Swimming-Pool.
Wußte nicht, wer wen warum beschattet, und sollte ich die Zielperson
sein: An mir war nichts Aufregendes. Ich erholte mich. Urlaub machen.
Ausspannen. Bis jetzt.
Zwanzig Minuten später verließ ich das Haus. Daß ich nicht
zurückkommen würde, war mir klar.
Das Kennedy-Memorial, ein schwul-lesbischer Laden in der
Nähe, hatte die europäisch-dekadente Unsitte angenommen, Tische und
Stühle auf die Straße zu stellen. Ich bestellte einen Milchkaffee - Hen
Ning und Linda waren noch nicht erschienen - als ein Chicano-Junge
angelaufen kam und mir ein Paket in die Hand drückte. >Victor
Orloff< stand drauf in Hen Nings, der lateinischen Schrift
unkundiger Hand. Ich gab ihm einen Dollar, er lief davon.
Als ich das Paket öffnen wollte, wurde ich verhaftet.
Mit meiner Unterschrift versichere ich, daß ich freiwillig und ohne
Zwang aussage.
Victor Orloff, Privatdetektiv.
Sie glaubten mir nicht. Sie glaubten mir kein Wort. In dem Paket war eine Bombe und ich der Terrorist. Für sie war alles klar.
Für mich auch. Vier mal zwei Meter die Zelle. In der Ecke ein Wasserhahn und ein Loch im Boden, ein Bett, ein Stuhl, fest im Beton verankert. Drei Mahlzeiten am Tag, eine Stunde Hofgang mit Hand- und Fußfesseln. Dienstags und Freitags Duschen und Rasieren. Um 22 Uhr 30 wird das Licht gelöscht. Auch eine Art Erholung. Der Gedanke, die nächsten Jahre so zu verbringen, beruhigte mich. Ich begann, Schach zu spielen. Hen Ning und Linda hatten mich an die Bullen ausgeliefert; ein Bauernopfer.
Eine Woche nach meinem Geburtstag wurde ich abgeholt - ohne Ketten, mit drei Mann Begleitung - und in ein Vernehmungszimmer geführt.
Als ich den Raum betrat, befanden sich dort vier Männer. Zwei saßen an einem quergestellten Tisch, die beiden anderen lehnten an der Wand. Unter dem Fenster ein Rechteck aus gestreifter Sonne. Ein Stuhl war frei. Ich setzte mich.
»Wir heißen alle Tom Jones«, sprach mich der schwitzende Glatzkopf an, der mir gegenüber saß, »und wollen mit Ihnen sprechen. Wir sind interessiert an Ihrer Kooperation.«
»Ihr wißt, daß ich unschuldig bin!«
»Das ist uns egal.«
»Bitteschön: Ihr wollt verhandeln...« Mir wollte ums Verrecken nicht einfallen, was ich zu bieten haben könnte. Ich versuchte zu bluffen: »...und ihr wißt, daß ich nicht billig bin.«
Mr. Jones beachtete mich nicht. »Suchen Sie immer noch diese Pflanze?« Mit einem riesigen Stofftaschentuch wischte er sich über den kahlen Schädel.
»Denke schon. Das ist mein Auftrag.« Auf dem Tisch lagen Zigaretten, ich griff mir eine.
»Nun, wir haben vielleicht einen neuen Auftrag für Sie. Sind Sie interessiert?«
»Laßt hören, Jungs.« Mit dem Rauch kehrte der Schwung zurück.
»Mr. Jones, hier neben mir, ist Vertreter eines Arzneimittelkonzerns, der anonym bleiben möchte.«
Eine bunte Krawatte reichte mir eine gepflegte, kaum schwitzende Hand, weiße Zähne strahlten: »Vorläufig«.
Der wichtige Mr. Jones kramte in seiner Aktentasche und sprach in sie hinein: »Zunächst einmal muß ich Sie darauf hinweisen, daß diese Unterhaltung nationale Interessen berührt und als geheim eingestuft ist. Haben Sie das verstanden?«
Ich nickte.
»Das geht nicht. Sie müssen ja sagen oder ich habe verstanden. Alles klar?«
»Alles roger.«
»Sie sind sowas wie ein Aids-Spezialist. Also dann: Wir sind der Meinung, daß wir die Aids-Primärquelle gefunden haben.«
»In Afrika, nicht wahr?«
»Der Ort ist nicht so wichtig. Wir sind der Meinung, daß es einen Erfinder gibt!«
Ein Erfinder?! Wie oft hatte ich diese Geschichte gehört. Ich versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Es gelang.
»Prof. Donald Petty. Oxford-Absolvent, Nobelpreisträger. Dann dieser tragische Unfall: Er verlor seinen Verstand. 1973 ging er nach Afrika, um ein Privatlaboratorium aufzubauen.«
»Ich hab von ihm gehört«, log ich.
»Er hat gestanden. - Wir haben diesen Brief von ihm bekommen.« Er reichte mir eine Fotokopie, ich las: >...ist mir inzwischen ein zweites Retrovirus gelungen. Es ist genauso tödlich, den Übertragungsweg jedoch habe ich entscheidend vereinfachen können. Wenn Sie die Freisetzung verhindern möchten, dann setzen Sie eine Anzeige in die Herald Tribune. Ich werde mich mit Ihnen in Verbindung setzen. D.P.<
»Wir möchten, daß Sie ihn finden.«
»Und wenn ich ihn finde?«
»Darüber müssen wir sprechen. Er hält sich zur Zeit im Grenzgebiet Papua-Neuguineas und Indonesiens auf. - Ein Ort namens Tanahmerah.«
Im Dschungel! (ein Wort dem Duschgel so ähnlich) Ich hätte es mir denken können. »Wann kann ich fliegen?«, fragte ich. »Ich brauche Geld, Papiere, meine Waffe und frische Unterwäsche.«
»Wir haben alles vorbereitet. - Mr. Jones wird Sie begleiten.«
Die bunte Krawatte reckte ihr markantes Kinn und wollte noch einmal Hände schütteln.
Zwei Stunden später saßen wir in der Linienmaschine nach Manila. Die Krawatte neben mir hatte eine Aktentasche auf den Knien und reichte mir Unterlagen zur Einsicht; ich aber war beschäftigt, mich vollaufen zu lassen und den Hintern der Stewardess nicht aus den Augen zu verlieren. Mit einem halben Auge sah ich aber doch den Briefkopf eines seiner Papiere: Bionetics Inc. Das hatte Zeit.
Acht Stunden später, es war immer noch hell. Wir verließen das Flughafengelände nicht, eine Turboprop, die uns nach Irian Jaya bringen sollte, stand bereit. Als wir landeten, versank die Sonne hinter den Bergen, der Dschungel erwachte. Es roch nach Benzin, nach Sonnenmilch und Ingwergebäck. Ich konnte nicht ahnen, daß die kommenden 48 Stunden mein Leben, daß sie mich verändern würden. Hätte ich es gewußt...
Ja, wenn und hätte, das zählt nicht im Leben, was zählt sind Fakten, Fakten, Fakten.
Im nächsten Heft: Wer sind Viktors neue Auftraggeber? Welche Ziele verfolgt die Bionetics Inc.? Ist Donald Petty der Erfinder des Aids-Virus? Hat er einen Impfstoff? Wo ist Indiana Jane? Kann die CIA verzeihen?