Kurznachrichten: Häppchen
Wer hat den beschissensten Job?
(Bov Bjerg) Der hochspezialisierte Kneipenverkäufer. Mit Körbchen in der Hand kommt er an den Tisch und flüstert: »Space Cakes. Space Cakes.«
Vom andern Ende des Tisches brüllt´s: »Was!!? Was ist da in dem Körbchen?«
»Space Cakes.«
»Was??? Ich hab dich nicht verstanden!!!«
»Space Cakes.«
»Spice? Kekse mit Kräutern?«
»Nein, Space Cakes.« Noch leiser: »Mit Dope drin.«
»Was??? Ich hab dich nicht verstanden!!! Sag mal, was bistn du fürn Kneipenverkäufer? Verkaufst hier Eßsachen und redest so leise, als obde mit Haschisch dealst? Was sindn das nun für Kekse?«
Das Gartencenter Eden
(Jürgen Witte) Eine Sechzehnjährige erzählt einen alten Politiker-Witz mit Petrus und dem Paradies. Nachdem die Himmelspforte durchschritten ist, schmückt sie die Handlung etwas aus. »Das Paradies ist natürlich voll geil«, sagt sie, »alles kostenlos und so!«
Am Biertisch 1
(Horst Evers) »Verdammt, du hast das Bierglas auf den Käfer gestellt!«
»Oh Scheiße, ist er tot?«
»Hm. Vielleicht stellt er sich nur platt.«
Wie die Presse einen verunsichern kann
(Horst Evers) In der Zeitung steht: Raucher haben weniger Sex als Nichtraucher. - Ich rauche, meine Frau nicht. Ich denke, ich werde mal ein ernsthaftes Gespräch mit ihr führen müssen.
Hochwasser
(Horst Evers) Neben all dem Jubel um die Bundeswehr, die die Deiche am Oderbruch wacker verteidigte, gab es seinerzeit durchaus auch skeptische Beobachter, die der Auffassung waren, mit der Situation am Deich sei damals ganz schön übertrieben worden. Die Lage könne so dramatisch gar nicht gewesen sein, wenn es sogar der Bundeswehr gelungen sei, die Deiche zu halten.
Regelrecht enttäuscht vom Auftreten der Bundeswehr zeigten sich die Vertriebenenverbände, welche in den Hochwassertagen eine kryptische, wenig beachtete Erklärung verfassten, mit dem Text:
Wir wollen ja nix gesagt haben, aber wir meinen ja nur, wo die Bundeswehr schon mal so massiv an der polnischen Grenze steht, könnte sie ja gleich, wir meinen ja nur, liegt ja quasi auf dem Weg, aber wir wollen nix gesagt haben.
Am Biertisch 2
(Horst Evers) »Er kommt aus Neuseeland, und er arbeitet jetzt hier.«
»Er arbeitet hier? Als Fisch?«
Bei mir klappt nie was
Samstagnachmittag stand ich wieder auf der Bahnsteigkante und haderte mit meinem Schicksal. Ich überlegte, ob ich mich vor den 15.47 Uhr-Zug werfen sollte, oder ob ich bis 18 Uhr warten könnte. Mein Leben kam mir so sinnlos und leer vor ohne meine Schuhputzbürste. Nie wieder würde ich so einer Schuhputzbürste begegnen! Kein Mensch hat so ein Glück im Leben zweimal.
Um 15 Uhr 45 tippte mir eine Fee auf die Schulter. Sie sah ein bißchen versoffen aus und roch aus dem Mund. Bei mir klappt nie was. Selbst wenn ich mal ´ne Fee treffe, ist die eine Schlampe.
(Katrin Girgensohn)
Tarnung?
(Andreas Scheffler) Uns gegenüber wohnen Russen. Ein Mann und eine Frau mit einem Cockerspaniel und einer Katze. Gelegentlich bekommen sie Besuch von zum Teil recht merkwürdig aussehenden Menschen. Aber es will mir einfach nicht in den Kopf, daß sich Mitglieder der Russenmafia eine Katze und einen Hund halten, dazu noch einen Cockerspaniel! - Vielleicht als Tarnung? Aber sie grüßen doch immer so freundlich...
Am Biertisch 3
»Sag mal, du bist so miesepetrig. Hast du was gegen Drogen?«
»Ach Unsinn, viele meiner besten Freunde sind Drogen.«
(Falko Hennig)
Diana 1
(Horst Evers) Es war der traurigste Tag in meinem Leben. Ich konnte umschalten, wohin ich wollte, auf allen Programmen lief das Gleiche. Dianas Beerdigung. Der langweiligste Samstagnachmittag aller Zeiten. Dabei hab ich schon damals bei der Heirat von Charles und Diana gesagt, das wird nix, das geht nicht gut. Wie der Charles schon geguckt hat, wußt ich gleich, das hält nichtmal eine Woche, und grad mal nach 15 Jahren war´s ja auch vorbei. Geschrien hab ich seinerzeit: »Diana, laß den Charles, nimm mich!« Aber sie wollte ja nicht hören. Das hat sie nun davon. Hätt sie mal mich genommen, dann wären wir zusammen vorm Fernseher gesessen, und hätten uns die Beerdigung von Camilla angeguckt. Da hätte sie´s besser gehabt.
Diana 2
(Horst Evers) Immer noch hagelt es nur so Dianaerscheinungen. Auf der ganzen Welt. Letzten Dienstag war sie auch bei mir. Hat gefragt, ob sie irgendwas für mich tun könnte. Hatte aber grad keine Idee und auch wenig Zeit. Sie meinte, sie komme dann nächste Woche nochmal wieder. Dienstagabend 18 Uhr 27. Sie hat´s versprochen, obwohl ganz sicher ist es nicht. Ist noch nicht klar, wer sie fährt.
Auf dem Land
(Bov Bjerg) Einen Dorftrottel gibt es auch. Er ist etwa Mitte zwanzig. Man nennt ihn Rolf, den Bremser. Wie alle Ureinwohner bekommt er beim Sprechen des regionalen, einigermaßen prähistorischen Dialekts die Zähne nicht auseinander. Außerdem schaut er dabei immer etwa neunzig Grad an einem vorbei. Das erleichtert das Gespräch nicht unbedingt. Rolf der Bremser heißt nicht nur so, weil er einen vom Arbeiten abhält, sondern weil er auch leidenschaftlich gern Auto fährt. Wenn er am Hof vorbeifährt, muß er wegen des Gefälles im Ort immer bremsen. Dann ruft er laut: »Iiiieeeht!« Rolf hat nämlich gar kein Auto. Bzw. eins, das nur er sehen kann. Mit diesem Auto legt er alle Strecken im Dorf zurück. Ich glaube, wenn Rolf schreiben könnte, würde er mit seinem Luftauto sogar zum Briefkasten fahren. Solange Rolf auf der Straße tatsächlich geht, also fährt, ist er ein leidlich sicherer Verkehrsteilnehmer. Neulich aber lag er mitten auf der Hauptstraße auf dem Rücken, direkt hinter einer Kurve, und fuchtelte mit einem Schraubenzieher in der Luft herum. Bremsen quietschen, ein Auswärtiger steigt halb verdattert, halb empört aus. Rolf: »Wasn los? Ich reparier mein Auto.« - Dreimal täglich schaut Rolf auf dem Hof vorbei, redet ein bißchen zur Seite und steigt wieder in sein Auto. Anfahren am Berg, das macht ihm am meisten Spaß.
Ein Vorfall
Als man sie fand, schlief sie wie tot. Selbst Lärm oder lautes Rufen zeitigten keinerlei Erwachen. Neben ihrem Bett auf dem Nachttisch befanden sich zwei leere Packungen Ohropax. Im Krankenhaus mußte ihr der Magen ausgepumpt werden.
(Holm Friebe)
Am Biertisch 4
»Mein Gott, hast du die blaue Nase gesehen? Mein Gott, so ein Blau.«
»Ja, das ist jetzt ganz neu. Aus Japan.«
(Falko Hennig)
Brauchtum
(Horst Evers) Wenn du Weihnachten das erste Mal nicht bei Mami und Papi Brauchtumspflege betreibst, wenn du hier bleibst, dann mach es doch wie ich: Erzähl´ niemandem, daß du in der Stadt bist, triff keine Verabredungen, kauf´ dir einige Flaschen Rotwein und eine Dreierpackung Pizza Margherita, leg´ dich vor den Fernsehkasten und genieße das Festprogramm. Nach 18 Spielfilmen, nach 10 Stunden fühlst du dich so..., du bist so..., noch ein bißchen drücken, dann kommen Tränen.
Jetzt mußt du den Fernseher ausschalten. Du erinnerst dich an einen alten Suizidplan und - irgendwo muß doch noch ´ne Rasierklinge liegen. Ah, da.
Probehalber, ganz vorsichtig, ja, das beruhigt. Mit einem Taschentuch wird das Blut abgetupft. Am späten Abend zeigt das Fernsehen einen Sexfilm, dabei kannst du dir einen runterholen, dann einschlafen. Ein Tag vorbei. Der 25. ist schon nicht mehr so schlimm.
Am Biertisch 5
»Und China? Meinst du, das wird noch mal was?«
»Man kann nie wissen.«
(Falko Hennig)
Rätsel Jugend
(Jürgen Witte) Sie ist etwa dreizehn oder vierzehn, aber anders als ihre gleichaltrigen Freundinnen wirkt sie in diesem Kreise älter, längst vom Leben gezeichnet.
»Wenn es aus ist, dann soll er es doch sagen!« ruft sie. »Ich meine, er kann es doch sagen, wenn er Schluß machen will!«
Die anderen betatschen sie tröstend. Eine erhascht ihre Hand, die andere greift ihr an die Schulter, die dritte, die daneben sitzt, lehnt sich näher an sie an.
»Da häng ich bei ihm im Zimmer rum, und er setzt sich einfach mal schnell für zwei Stunden an den Computer, ich meine, das ist doch krass!«
»Echt doof«, wirft eine Freundin ein.
»Und dabei habe ich alleine in den letzten zwei Wochen vier neue Ringe...«
»Von Ihm?«
»Nee!«
Und in mir keimt der Verdacht, daß der fragliche junge Mann pubertätsmäßig gehörig hinter diesem zuneigungsbedürftigen Mädchen hinterherhinkt. Aber schließlich geht es mich ja nichts an.
»Wenn es Schluß ist, dann kann er es doch sagen, verdammt!« schreit sie durch den vollbesetzten Bus.
Gedanken zum 3. Oktober I
(Andreas Scheffler) Am Nachmittag des 2. Oktober 1990 wollte ich mir im Plus-Markt in der Behmstraße eine Flasche Schnaps kaufen. Es gab keinen mehr. Alles weggekauft. Nur im Gemüseregal lag noch eine einsame Flasche Southern Comfort. Ich mag Southern Comfort nicht besonders, erstand die Flasche aber trotzdem, sonst hätte sie ein Weddinger gekauft und am Abend durchs Hosenbein in die U-Bahn gepinkelt.
Dies eingebrannt ins Gedächtnis der Menschheit
(Hans Duschke) Die Sonderverkaufsfläche des Extra-Marktes in der Ackerhalle ist neu bestückt. Grillkohle, Schwimmhilfen und Gartenmobiliar wurden aus dem Sortiment genommen, dafür gibt es nun Spekulatius, Lebkuchenherzen und Dominosteine. Datum: 21. August; Außentemperatur: 31°C.Und in mir keimt der Verdacht, daß der fragliche junge Mann pubertätsmäßig gehörig hinter diesem zuneigungsbedürftigen Mädchen hinterherhinkt. Aber schließlich geht es mich ja nichts an.
Die Menschen packt die Wut. Sie stubsen ihre Einkaufwagen gegen die Regale. »Jedes Jahr früher!« Dieser Satz scheint unumstößlich wahr; »Eine Frechheit ist das! Spekulatius im August! Das hätt´ es früher nicht gegeben!« Eine Packung gefüllter Schokoherzen fällt auf den Boden und wird von einer aufgebrachten Seniorenmeute zertrampelt. Ich bin erschüttert.
Gedanken zum 3. Oktober II
(Andreas Scheffler) Kurz vor dem dritten Oktober 1990 hat sich meine damalige Freundin von mir getrennt. Wie soll ich da positive Gefühle mit diesem Datum verbinden? Trotzdem war sie es, mit der ich in die deutsche Einheit hineinrutschte. Mit dem guten, nichtsdestoweniger dummen Vorsatz, gute Freunde bleiben zu wollen, gingen wir ins Kino und sahen uns Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben an. Dann fuhren wir zum Kollwitzplatz und hörten uns ein letztes Mal Auferstanden aus Ruinen an. Die Ruine unserer Beziehung würde nie wieder auferstehen. Das begann mir damals zu dämmern.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08