Jürgen Witte: Im Westen führen alle Wege auf die Couch
Der Mensch, wenn er mal tief in sich hineinschaut - und wer will schon als oberflächlich gelten, also schaut er tief - der entdeckt in seinem Innern gemeinhin ein buntes Sammelsurium von Neurosen. Gerade der junge Mensch an der Schwelle zum Erwachsenwerden, der hält öfter mal einen Augenblick inne und fragt sich, wer oder was er denn nun geworden sei.
Schon die erste, meist noch hypothetische Bekanntschaftsanzeige, die im Kopf von 14-18 jährigen langsam gärt, verlangt nach einer marktgerechten Selbsteinschätzung. Bin ich schön, sportlich, offen, romantisch und unternehmungslustig? Oder bin ich pickelig, verklemmt, verschlossen, langweilig und träge? Gegen Pickel hilft kein Clerasil, damit muß man sich abfinden. Aber warum bin ich auch noch so langweilig und verklemmt geworden?
So sehen sie aus, die existentiellen Fragen, und zum Glück gibt es eine Wissenschaft, die den Schuldigen kennt. Populärpsychologische Ratgeber werden verschlungen, einige sehr intensive Gespräche mit Gleichgesinnten schließen sich an, und alsbald ist vieles klar: >Pappi ist dran schuld, oder auch Mammi. Die Familie eben, die haben da was falsch gemacht, und ich muß jetzt mein ganzes restliches Leben darunter leiden.<
Das ist ein gefährliches Alter: Bhagwan, Scientology, Evangelen und Katholen, alle wittern sie plötzlich ihre Chance. Viele Jung-Neurotiker fühlen sich aber auch zu praktizierenden Psychologen hingezogen, zu erfahrenen, Freud-gelesen-habenden Menschen, die anscheinend so viel mehr wissen, über das tiefe Innere, als man selbst. Und eine Frage wird immer wichtiger: >Warum sind alle Menschen glücklich, bloß ich nicht?<
Dann kommt die Zeit, wo erste Bewerbungsschreiben aufzusetzen sind, und wieder darf der junge Mensch in sich gehen. Bin ich leistungsbereit, offen, kontaktfreudig, teamfähig, kreativ und belastbar?
Normale Neurotiker schreiben das einfach so hin, schließlich erwarten Arbeitgeber solches Geschwätz. Andere, in der Selbstanalyse schon weiter fortgeschrittene Neurotiker, machen es sich nicht so leicht. Und sie sind auch noch stolz darauf. Sie wollen ehrlich sein, und sie wollen wirklich immer offen, leistungsbereit, kontaktfreudig, teamfähig und kreativ sein. Und eines Tages, so hoffen sie, werden sie einen Psychologen finden, der das aus ihnen macht.
Es steckt, so sind sie sicher, irgendwo verschüttet ein marktgerechter, angepaßter Depp in ihnen drin, da sind nur Strukturen und Blockaden und Traumata, die den angepaßten Deppen nicht so herauskommen lassen wollen.
Und eine Frage wird immer wichtiger: >Warum sind alle Menschen zufrieden, bloß ich nicht?<
Junge Menschen aus der früher weitestgehend Freud-freien Ostzone schlagen sich statt mit West-Psychosen lieber mit Moralproblemen herum. Die Opferhaltung allerdings ist fast die selbe: >Warum ist die ganze Welt so ungerecht, bloß ich nicht?<