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Susan Dreyer: Ich zeige Kontakt an

Ich war neu in Frankfurt und auch fremd; aber Frankfurt ist sich selbst fremd, da fiel das nicht weiter auf. Mir fiel es schon auf. Vielleicht, weil abends nur der Lohnsteuerjahresausgleich auf mich wartete, und auch nicht damit aufhören wollte.

Ich weiß nicht mehr, wie ich von dem Gedanken ans Finanzamt auf eine Kontaktanzeige kam, jedenfalls, es gibt da doch dieses Lied von Keimzeit: »Zwei und Zwei ist Zweiundzwanzig, wenn Du es glaubst, dann gib´ mir Bescheid. Die Schildkröten bringen uns das Tanzen bei, in aller Gemütlichkeit« Und ich dachte, wer das kennt, den möchte ich auch kennen, und so setzte ich diese Zeilen ins Journal Frankfurt. Nicht daß ich tanze wie eine Schildkröte. Das stimmt nicht. Ich tanze gar nicht.

Ich bekam 16 Antworten. Ohne Bild. Macht nichts. Auf die in Frankfurt übliche Aufforderung >BmB< (Bitte mit Bild) hatte ich verzichtet. Damit sich die Anzeige schön reimt. Auf BmB fiel mir nur BMW ein, und das ist irgendwie blöd. In Frankfurt fährt man schließlich Mercedes.

Also kein Bild von meinen Interessenten, nur eins in meinem Kopf; vom Durchschnittsmann, der auf eine Kontaktanzeige schreibt: Ende Zwanzig, vielleicht schon vor dem Tor der Dreißig stehend, mit gestrafftem Körper sich ganz groß machend, daß er auch ja nicht durchpaßt durch das Loch nach dem 30. Geburtstag; etwas weniger Haar und etwas mehr Bauch und einer Vorliebe für Kamillentee. Am liebsten antwortet er auf himmelblauem Papier und nie unter 3 Seiten. Auf denen erklärt er entweder, eine Rarität zu sein, die nach langer Beziehung >wieder auf dem Markt< ist, oder er legt sein Interesse an inneren Werten eloquent dar. Nach 3 Seiten über das wahre Glück war ich mir nicht mehr sicher, was innere Werte sind? Ging es um den ausgeglichenen Charakter, das augeglichene Bankkonto oder nur um den ausgeglichenen Cholesterinspiegel?

Das Lied hatte nur einer erkannt. Wolfram mit Dorle und sogar mit Bild. Von Dorle, seinem schwarzen Kätzchen. Vielleicht mochte sie dieses Lied? Wahrscheinlich bewegte sie sich wie eine Schildkröte? Nun, mir lag nichts am Kontakt zu einer schildkrötigen Katze oder einer katzigen Schildkröte. Die anderen Schreiber bemühten sich immerhin: »Ich glaube Dir, daß zwei und zwei Zweiundzwanzig ist«, schrieben einige. Na schön. Aber irgendwie ist das komisch in einer Stadt, die so voll ist mit gläsernen Banken, daß man nicht weiß, ob man gerade eine Wolke am Himmel sieht oder das weiße Logo einer neuen Bank, so voll ist Frankfurt mit Banken, richtig voll. Und wer 40 Stockwerke baut, hat doch wohl einen Taschenrechner. Oder rechnen die hier anders? Kann ja sein. Auf der Zeil wurden aus 9.000 Quadratmetern auch schon 22.000 geschneidert. Aber leider ohne Schildkröte.

Copyright: Susan Dreyer

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 21
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Häppchen
Horst Evers: Bundesrepublik Evers Jürgen Witte: Im Westen führen alle Wege auf die Couch Susan Dreyer: Ich zeige Kontakt an Hans Duschke: Die Nacht in der Obdachlosen- notunterkunft Bov Bjerg: Umzüge Sarah Schmitt: 30 Jahre lang belogen Hinark Husen: Frau Comunis singt Manfred Maurenbrecher: Musisch Ahne: Nachruf auf Jürgen Kuczynski Bov Bjerg: Das Grauen Benedikt Eichhorn: Endlich prominent, endlich Talkshowgast Jürgen Witte: Die Salbader. - Worterklärung Horst Evers: Zukunftsfragment 9 Gabi Schlaug: Tschüß, Heinz Andreas Scheffler: Wer das Wetter macht, ist scheiße Funny van Dannen: Der gute Riecher Mark-Stefan Tietze: Orangenhaut Hinark Husen: Ich war Mr. Bierbauch Nr.5 Hans Duschke: Der Achsel-Effekt Sarah Schmidt: Die perfekte Lösung Sascha Agocs: Der Deal Jürgen Witte: Deckname Lyrik -Ein Gespräche Bov Bjerg: Ein Scheiß-Abend Horst Evers: Monika Rolf M. Thum: Ein Sachverhalt Andreas Scheffler: Aufstehn - das Protokoll Andreas Scheffler: Wer bin ich Jürgen Witte: Der Kabinenroller der Kanäle Hans Duscke: Oma
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XXIII
Kavara Bistroj: Der Ausländer
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