Hans Duschke: Die Nacht in der Obdachlosennotunterkunft
Eine Wintergeschichte
Sehr geehrte Mieter,
auf Grund der extremen Witterungsbedingungen sind die Abflüsse des
Hauses eingefroren.
Um die Versorgung zu sichern, befindet sich auf dem Hof ein Miet-WC.
Die Benutzung dieses WC´s ist kostenlos.
Warme Luft schlug mir entgegen, als ich die Räume der Obdachlosennotunterkunft in der Bismarckstraße betrat. Es seien noch Plätze frei, hatte es geheißen im Fernsehen, was mich wunderte, bei den Temperaturen. Aber da bei mir nun auch die Abwasserrohre eingefroren waren, beschloß ich, mich auf Recherche zu begeben.
War es wirklich so schrecklich in der Notunterkunft? Die Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag sollte es beweisen.
Niemand stand an der Rezeption, aber als ich klingelte, erschien eine junge Sozialarbeiterin, blond und in verwaschenen Jeans: »Sie wünschen?« - »Ich hätte gern ein Bett für die Nacht.« - »Bitteschön: Zimmer 12.« Sie reichte mir den Schlüssel. »Peter, unser Zivildienstleistender«, sie klingelte, »wird Ihr Gepäck hochtragen.«
Ein verschlafener, idealistischer Jüngling nahm meine Tasche, ging voran und zeigte mir das Zimmer: Nach hinten raus, Südseite, mit Blick auf die nahegelegene Parkanlage in dieser großen Gründerzeitvilla.
»Das Bad ist am Ende des Flurs«, sagte er, fragte, ob er noch etwas bringen könne und ob alles zu meiner Zufriedenheit sei, und verweigerte die Annahme eines Trinkgeldes.
Ich setzte mich an den Schreibtisch, schaltete die Fernsehprogramme rauf und runter, klappte die Schranktüren auf und zu, schaute in alle Schubladen (eine Bibel im Nachttischschränkchen). Was wohl dagegen spräche, noch eine Zigarre zu rauchen? So gut wie nichts. Ich begann, einen Brief zu schreiben, Papier und Stift hatte ich in einer Schublade entdeckt.
Es war spät. Ich duschte und rasierte mich. Auf dem Weg zum Bad begegnete mir ein anderer Obdachloser, bekleidet (wie ich) mit Badelatschen und dem vom Haus gestellten weißen Frotteebademantel. Wir grüßten und pfiffen eine lustige Melodie.
In der Hausbar stand ein passabler Cognaç, ich legte mich aufs Bett und las ein wenig, irgendwo im Haus schlug eine Uhr zwölfmal. Es wurde still.
Ich hatte mich schon schlafen gelegt, als es leise an der Tür klopfte: Die Sozialarbeiterin. Sie setzte sich auf die Bettkante, strich mir zärtlich übers Haar und fragte, ob ich noch mit ihr sprechen möchte. »Würden Sie ein Lied für mich singen?« Sie sang, sehr leise, ich schloß die Augen:. »...Dein Vater ist im Krieg, Dein‘ Mutter ist in Pommernland, Pommernland ist abgebrannt,...« So sang sie und hielt meine Hand, und ich schlief ein.
Ich muß Stunden geschlafen haben, und heute glaube ich, daß ich vergiftet worden bin. Als man mir eiskaltes Wasser ins Gesicht schüttete, erwachte ich. An Händen und Füßen gefesselt lag ich auf einem Krankenhausbett in einem riesigen unterirdischen Laboratorium.
Haha!
Ich hatte das Geheimnis der freien Plätze in den Berliner Notunterkünften gelüftet! Jetzt galt es zu fliehen. Aber wie?
Hände und Füße waren solide an den Bettpfosten befestigt. Ich hatte nur eine Chance, eine einzige Chance: Ich mußte die Liebe der Sozialarbeiterin erringen, sie würde mich befreien, und ich könnte durch eine Veröffentlichung in einer angesehenen, beinahe vierteljährlich erscheinenden Literaturzeitschrift den verbrecherischen Machenschaften ein Ende setzen.
Und hier bin ich.
Und ich sage: In riesigen unterirdischen Laboratorien werden den Menschen Sender eingepflanzt. Ihr habt davon gehört. Adelheid Streidel berichtete davon.
Es ist wahr.