Bov Bjerg: Umzüge
Aufgrund einer tragischen Verkettung unglücklicher Umstände war ich gezwungen, innerhalb von vier Wochen an ungefähr 17 Umzügen teilzunehmen. Ich bin nunmehr zu dem Schluß gekommen, daß sich alle Umzüge auf der Welt letztlich auf drei Idealtypen reduzieren lassen.
Typ 1: Die alleinerziehende Mutter
- Wohnungen in den letzten zehn Jahren: eine.
- Umzugsgrund: Das pubertierende Kind will nicht mehr im Durchgangszimmer schlafen.
- Umzugsauto: Ein Pritschenwagen vom Verleih.
- Umzugsgut: Vier Stühle, Küchentisch, Regale, Matratzen, Kleiderschrank. Auf Umzugskartons prima gleichmäßig verteilt: Töpfe, Geschirr, Klamotten, Spielzeug. Eine große, wohlgenährte Yuccapalme und eine Tüte mit drei Büchern: Sofies Welt, Wenn Frauen zu sehr lieben, Dein Recht als Sozialhilfeempfänger.
- Umzugshelfer: Zehn Freundinnen und Freunde. Für die schweren Sachen zwei Studenten von der Tusma á 12 Mark die Stunde. Die schweren Sachen werden als letzte ein- und als erste ausgeladen.
- Im Treppenhaus wird eine Kette gebildet, dann geht´s ratzbatz.
- Umzugsdauer: zwei Stunden, für die Tusma-Studis leider nur eine Stunde.
Typ 2: Der Spät-Hippi
- WGs in den letzten zehn Jahren: siebzehn.
- Umzugsgrund: Mal neue Leute kennenlernen.
- Umzugsauto: Ein zwanzig Jahre alter VW-Bus mit kaputter Heckklappe, der gerade eben erst fast pünktlich aus Portugal zurückgekommen ist.
- Umzugsgut: Bongos (»Ey, das´ keine Bongo, das ´ne Djembe!«), eine alte Nähmaschine, eine ramponierte Pflanze von unbestimmbarer Art, ein Einmachglas voller losem Pfefferminztee (»Ey, das´ kein Pfefferminztee, das´ mein Gras!«), eine große afrikanische Maske aus einer Art Bleiholz, Stereoanlage, Boxen, Schallplatten, Plakate, verschiedene hölzerne Gegenstände von unbestimmbarem Zweck. Ein Schreibtisch (»Der´s schön, was?«) von ca. 150 Kilo. Alles wird, einer unbestimmbaren Logik folgend, möglichst einzeln in den VW-Bus gestopft.
- Umzugshelfer: Von zehn Leuten, die zugesagt haben, sind drei da. Die alleinerziehende Mutter macht sich allerdings vom Acker, als nach zwei Stunden der VW-Bus immer noch nicht aus Portugal zurück ist.
- Kettenbildung im Treppenhaus wg. unbestimmbarer Vorbehalte gegen rationelle Arbeitsabläufe nicht durchsetzbar.
- Umzugsdauer: sieben Stunden.
Typ 3: Der gewohnheitsmäßige Junggeselle
- Wohnungen in den letzten zehn Jahren: eine.
- Umzugsgrund: Um weiter ohne größere gesundheitliche Beeinträchtigung in der alten Wohnung leben zu können, müßte sie eigentlich mal dringend sauber gemacht werden.
- Umzugsautos: zwei Pritschen, zwei VW-Passat, ein alter Volvo.
- Umzugsgut: Weil er´s »einfach nich mehr geschafft« hat, vorher auszusortieren, geschweige denn zur BSR zu fahren, praktisch alles was so rumliegt. Ein Bett, eine neue Matratze, eine alte Matratze mit bißchen Schimmel, achtundzwanzig einzelne Regalbretter. Eine Pfanne, ein Teller, ein Löffel, eine Tasse. Ein Topf mit drei Wochen alten Essensresten. Fünfzig Paar weiße Socken und weitere Klamotten, die Humana nicht haben wollte. Ein Bananenkarton voller Bücher, zehn Bananenkartons voller Videokassetten. Videorecorder, Fernseher mit Zettel dran: >Wichtig! Immer zugänglich halten! Nicht zustellen!<
- Umzugshelfer: Zehn Personen, darunter drei Hippies, die womöglich alles mögliche brauchen können.
- Umzugsdauer: Ganze zwölf Stunden, weil erstens fünf Stunden lang nicht klar ist, was Müll ist, was die Hippies brauchen können und was in die neue Wohnung muß. Und weil man zweitens, »liegt ja aufm Weg«, auf dem Weg vom Wedding nach Kreuzberg noch bei drei Hippie-Wohnungen in Mitte, Prenzlauer Berg und Spandau vorbeifahren muß, um Zeug abzuladen.
