Sarah Schmidt: 30 Jahre lang belogen
Als ich ein Kind war, hatte meine Mutter einen besonders perfiden Trick, um mir ihre Allmacht vorzuführen. Wenn sie meinte, ich hätte mal wieder eine Lektion nötig, rief sie mich am Abend zu sich: »Hast du Zähne geputzt?« - »Ja!« - »Hauch mich mal an!«
Den Trick kannte ich natürlich. Durch einen Tropfen Zahnpasta konnte ich ihr den perfekten Geruch vorgaukeln.
»Na gut. Hände gewaschen?« - »Ja!« Auch die Frage war mir nicht unbekannt. Ich wusch mir jeden Abend nur eine Hand, und an der ließ ich sie schnuppern.
»Und der Hals? Ist dein Hals gewaschen?« - »Jaaa!« Das stimmte tatsächlich, denn mit der einen Hand wusch ich auch gleich meinen Hals mit.
»Das wollen wir mal sehen!« Damit holte sie aus ihrem großen Vorrat an Erfrischungstüchern eines heraus und riß es auf. Sie hielt mir dieses penetrant nach 4711 stinkende Ding unter die Nase: »Wirklich gründlich sauber???« - »Ja doch!«
Dann rubbelte sie mir mit grober Gewalt das Tuch den Hals rauf und runter. Und immer, wirklich immer, war es rabenschwarz, wenn sie es mir triumphierend unter die Nase hielt.
»Das war ja wohl nichts. Ab ins Bad, und wasch dich richtig!« Sie hatte es wieder geschafft, und ich landete mit rotgescheuertem Hals im Bett.
Vor einiger Zeit, ich war längst erwachsen, erhielt ich im Flugzeug mal wieder eines dieser widerlichen Tücher.
Weil man im Flugzeug alles nehmen muß, was man angeboten bekommt, steckte ich es brav in die Tasche. Wieder zu Hause, legte ich es zu den anderen Proben mit Cremes und Shampoos neben die Badewanne.
Da lag ich dann vor einigen Tagen im Wasser und langweilte mich. Ich versuchte ein Algengel gegen Cellulite (hilft nichts), eine Peelingprobe, zwei Cremes, eine Maske für die anspruchsvolle (sprich: alte) Haut, und dann hatte ich es in der Hand: Citro-Erfrischungstuch.
Ich lag schon etwa eine Stunde im Wasser, war also durchaus gut eingeweicht, schrubbte aber trotzdem noch mal mit der Handbürste den Hals und rubbelte dann mit dem Tuch daran.
Es war rabenschwarz. Ich wienerte nochmal, so doll ich es aushalten konnte, und versuchte die andere Seite des Tuchs. Das Ergebnis war das gleiche.
Da muß irgendeine Substanz drin sein, ein Farbpulver, das uns nach der Benutzung das Gefühl gibt: »Mööönsch, war ich wieder dreckig. Nur gut, daß es Erfrischungstücher gibt!«
Und ich, ich dachte 30 Jahre lang, es wäre mein Schicksal, die Frau mit den Schmutzrändern am Hals zu sein.
Eine weitere Lüge, auf die ich als Kind reinfiel, war eher ein geflügeltes Wort: »Du bist ja noch grün hinter den Ohren!« Kennt ja jeder, diesen Satz mit dem man junge Menschen ins Aus befördert.
Mir erzählte damals meine große Schwester, die ich nach dem Sinn dieses Satzes fragte, folgende Geschichte: Wenn die Babys zur Welt kommen, ist die endgültige Form ihrer Ohren noch nicht festgelegt. Solange ist da, wo die Ohren am Kopf festgemacht sind, eine Art Naht, aus der grüne Flüssigkeit austritt, wenn man zu doll daran rumfummelt. Außerdem bekommen die Kinder dann Segelohren.
Mir war das einleuchtend, denn ich wußte schon von der Fontanelle. Eine offene Stelle auf Babys Kopf, die sich erst nach Monaten schließt und in die man nicht reindrücken darf. Auch wenn das Kind noch so schreit! Dann ist es zwar still, aber für immer.
Ich fühlte gerne auf den Kinderköpfen und stellte mir vor, wie ich - aus Versehen! - in die Fontanelle hineingeraten könnte und die ganze Hirnmasse spritzt mit einem lauten SPLOTZ! raus. Also war das mit den Ohren nur logisch.
Einige Jahre später wurde ich selber Besitzerin eines funkelnagelneuen Babys. Meine Gewaltphantasien in Bezug auf die Fontanelle hatten nachgelassen, und ich pflegte und hegte es, wie es sich gehört. Außer hinter den Ohren natürlich.
Als es etwa ein Jahr alt war, mußte es zur ärztlichen Routineuntersuchung. Alles war okay, bis ich den Arzt fragte: »Darf ich es jetzt schon hinter den Ohren waschen?« Er starrte mich an: »Natürlich, warum nicht?« - »Na, ich will aber nicht, daß es Segelohren bekommt, wegen der Naht!«
Dies war der Augenblick, in dem ich erkennen mußte: Ich bin jahrzehntelang belogen worden. Ein peinlicher Moment.
Mit hochrotem Kopf verließ ich die Praxis und guckte zu Hause zum ersten Mal hinter die Ohren meines Kindes. Außer einer dicken Schmutzschicht, die ich mit Erfrischungstüchern wegrieb, war da nichts. Keine Naht, keine grüne Flüssigkeit, nichts. Segelohren hat es dann aber trotzdem bekommen.
