Hinark Husen: Frau Comunis singt
Gut gelaunt mache ich mich mal wieder auf den Weg zum U-Bahnhof Leopoldplatz, vorbei an dem kleinen Geschäft, in dem in den zwanziger Jahren noch Kaffee und Kakao verkauft wurden, in den Fünfzigern Hosen und Röcke, in den Achtzigern Bücher, und nun schon seit zwei Jahren italienische Weine. Ja, ich kenne mich aus in meinem Kiez, all die kleinen Geschichtchen und Histörchen, die hinter jeder Fensterscheibe lauern und darauf warten, erzählt zu werden. Das mit dem Kaffeegeschäft aus der Weimarer Zeit hat sich quasi von selber erzählt, denn der Betreiber des Wein-Ladens hat am Schaufensterrahmen die alten Werbeschriftzüge freigelegt. Vielleicht hat mein Wohnungsvorvorgänger hier gleich um die Ecke immer seinen Muckefuck gekauft. Ich hole mir immer einen leckeren Prosecco für anstehende Geburtstagsfeiern. Ja, der Wedding, er prosperiert. Vor acht Jahren hatten wir schon mal einen portugiesischen Weinladen, der ist aber auf ganzer Linie gescheitert. Die Zeit war noch nicht reif.
Plötzlich ein »Hallo!« von der anderen Straßenseite. Ach, schau an, mein ehemaliger Döner-Verkäufer. Ich begrüße den Mann freundschaftlich und frage ihn nach seinem neuen Leben in Ravensburg. So schnell wie möglich zurück wolle er. Die Kinder verstünden in der Schule kein Wort, obwohl sie schließlich fließend deutsch sprechen, ey Alter wa! Das hätt ich ihm gleich sagen können. Die südwestdeutsche Provinz ist nichts für einen Weddinger Türken.
Im Stillen hoffe ich nur, daß er den Imbiß nicht wieder übernimmt, hat er doch das Fladenbrot für den Döner immer nur in der Mikrowelle aufgewärmt, was sein Nachfolger dankenswerterweise sofort abgeschafft hat.
Weiter geht´s, vorbei an dem Zeitungskiosk, der eigentlich eine Rehabilitationsstelle für zwei pakistanische Schlaganfallpatienten ist. Sprechen können beide schon wieder ganz normal, aber beim Rechnen hapert´s noch gewaltig. Wenn man für den Rest des Tages nichts Besonderes vorhat, kann man hier getrost auch mal Zigaretten kaufen gehen.
Und dann endlich taucht er vor mir auf: Der Leopoldpark, ein kleine Oase hinter der Nazarethkirche. Früher haben hier Nachtigallen gebrütet, aber seit das Gartenbauamt aus dem wilden Buschwerk eine putzige Grünanlage gemacht hat, sind sie verschwunden. Auch der Vogel des Jahres ´97 ist mir hier leider noch nicht zu Augen gekommen. Eigentlich eine Schande, da ist es nun schon Oktober und ich habe immer noch keinen einzigen Dendrocupus major gesehen. Immerhin ist mir aber hier im Winter mal ein Grünspecht über den Weg geflogen. Und neulich habe ich eine Dorngrasmücke gehört. In solchen Momenten möchte ich immer stehenbleiben und ausrufen: Halte inne, Welt, und lausche, da singt Sylvia comunis ihr feines Liedchen. Aber hier reagiert der Weddinger genauso wie jeder andere Berliner: »Wat für ne Silvia denn, die soll bloß ihre Schnauze halten, ick kann Opern nich ausstehen.« Und selbst wenn ich den Ahnungslosen aufklären würde, ihm erzählte, daß es sich bei Frau Comunis eigentlich um eine männliche Grasmücke handelt, so wäre der nächste Kommentar zwangsläufig: »Mücken jehörn totjeschlagen, völlig schnurz ob Männchen oder Weibchen.« So lausche ich denn alleine und mache mir so meine Gedanken über die ornithologische Ignoranz meiner Umwelt.
Am Leopoldplatz angekommen zwitschern die Mehlschwalben unbekümmert um den U-Bahn Eingang herum. Ich wünsche noch eine erfolgreiche Brut und entschwinde ins triste Neukölln.