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Manfred Maurenbrecher: Musisch

»Ach, so viele Musikinstrumente«, seufzt die Dame im Lodenkostüm, als sie einen Blick in mein Arbeitszimmer geworfen hat. Dann läßt sie sich in den Wohnraum führen - »und sogar noch ein echtes Klavier!« ruft sie aus.

Sie will sich ein Fin-de-siecle-Sofa beschauen, das wir vor Jahren in einem Anflug von Übermut angeschafft und jetzt zum Verkauf annonciert haben.

»Wissen Sie«, sagt sie und will sich noch nicht setzen, »wir waren damals fünf und haben jede ein anderes Instrument erlernt - erlernen müssen - unser Vater bestand darauf...«

Aus den Tiefen der Wohnung grollt ein Prasseln zu uns herüber wie von hunderten stürzenden Plastikfiguren, dann ein Poltern und Schlagen von wütenden kleinen Fäusten...

»Musische Früherziehung, da ist ja immens... na, Sie wissen sicher, wie wichtig das ist, Herr... Mauersberger...«

»Übrigens, da wäre dann das Sofa«, sag ich unbeholfen dazwischen.

»...sie schult nicht bloß das Gehör, sondern auch noch die Logik und das Gedächtnis...«

Ich erinnere mich daran, daß natürlich keiner den häßlichen Rotweinfleck aus dem Samtstoff der Sitzfläche weggebleicht hat und schiebe im Vorbeigehen ein Kissen über die Stelle.

»...und außerdem - das war unserem Vater besonders wichtig: Noten schärfen unser Verhältnis zu Zahlen - Musik und Mathematik, das ist ein gemeinsames Feld, pflegte er immer zu sagen...«

»Zweieinhalbtausend, nur so als Vorschlag, haben wir uns gedacht«, flechte ich ein und zeige aufdringlich auf das Möbelstück. Am andern Ende der Wohnung sind jetzt offensichtlich Legionen von Metallbauteilchen zu Boden geprasselt, und ein Verzweiflungsschrei folgt...

»Bitte«, fragt mich die Dame, »ich habe nicht recht verstanden...«

Ich schließe die Tür zum Flur.

»Es ist ein altes Erbstück«, erkläre ich ihr, »mindestens hundert Jahre alt, wir haben es polstern lassen noch letzten Winter - aber...«

»Sagen Sie, Herr... Mauersberger«, ruft die Dame und wühlt in den Noten auf dem Klavier, »Telemann, Pergulesi - was hab ich das damals geübt, jahrelang - meine Schwester Edith war das Klavier und ich die Tenorblockflöte - bis es blind ging...«

Ein dumpfer Knall überdeckt ihren Erinnerungsausbruch. Manchmal kann ich die Leute von unter uns, die immer wegschauen, wenn man ihnen im Flur begegnet, ein bißchen verstehen.

»Diese Stücke sind schwierig, aber die Anstrengung lohnt«, sage ich mühsam, wie aus einem anderen Leben heraus, um das Gespräch mit der Dame in Fluß zu halten.

»Und wie sie sich lohnt«, bestätigt sie, »auch wenn ein Kind das erst gar nicht begreift. Per aspera ad astra. Also ohne den stetigen häuslichen Druck unsres Vaters hätte doch keine von uns...«

»Ich weiß«, nicke ich müde und lehne mich gegen die Wohnzimmertür. Denn ich ahne, was kommen wird: Schon höre ich auf dem Flur den Schlag einer Trommel, das Zischeln der Rassel, das Quäken einer Kazoo und das Stampfen von kräftigen kleinen Füssen...

»Was nun aber das Sofa betrifft«, rufe ich noch in die Richtung der Dame - aber da ist es zu spät. »Ich hab endlich die Trommel und den andern Kram wiedergefunden«, jubelt mein Sohn und quetscht mich zwischen Türe und Wand, »das lag alles zwischen den Handschellen und den Maschinengewehren, jetzt können wir unsre Show machen - komm, wir spielen der Tante das Stück vor!« Und weil er neuerdings schreiben und buchstabieren lernt, ruft er noch: »L-o-s!«, und ich antworte: »N-a-g-u-t!« - wenn man sich für einen Erziehungsstil mal entschieden hat, muß man ihm treu bleiben - und während die Dame endlich auf dem feinen, nur leider fürchterlich unbequemen und deshalb auch zum Verkauf stehenden Sofa Platz genommen hat und huldvoll die ondulierten Locken zur linken Schulter hin neigt, schöpfe ich Atem, schließe die Augen - und ab:

»Wir sind vom Idiotenclub und wünschen Guten Tag« - fünfmal, zehn-mal, mit Trommel, ohne Trommel, mit Kazoo, ohne Kazoo, einstimmig, zweistimmig, mit Takt und ohne, und auch im Kanon.

»Tja«, sagt die Dame, erhebt sich und fährt meinem Sohn leicht über das Köpfchen, »das ist zwar nicht unbedingt eine Musik, mein Kleiner, aber Spaß scheint es ja zu machen... Was allerdings Ihr Sofa betrifft, Herr... Mauersberger: Leider nichts als ein Imitat, bestenfalls späte fünfziger Jahre, und außerdem« - in diesem Moment schiebt sie geschickt das Kissen vom Rotweinfleck weg - »doch etwas ungepflegt. Mit Zweifünf bei weitem überbezahlt. Wenn ich auch seit dreißig Jahren nicht mehr musiziere, den Umgang mit Zahlen hat die Musik mich gelehrt. Ich empfehle mich.«

»Aber was hast du denn«, fragt mein Sohn, als die Wohnungstür ins Schloß fällt, »war doch toll eben - warum guckst du denn so beleidigt?«

Zeichnungen von Benno Lerch

Copyright: Manfred Maurenbrecher

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 21
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Kurznachrichten: Häppchen
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