Ahne: Nachruf auf Jürgen Kuczynski
18 Uhr Sonnabend Nachmittag. Meine Mutti steht vor der Tür. Sie wollte mich nur mal so besuchen. Sie macht sich Sorgen wegen mir. Was soll nur werden? Wenn ich wenigstens studieren würde. So wie Jürgen Kuczinsky. Der hat schon vier oder acht mal studiert, und der kann reden. Wenn der einen Satz anfängt, dann redet er den auch zu Ende, so daß ein Sinn dabei herauskommt. Der fängt nie an mit >äh< und >mmh ja<. Das fällt ihr immer bei mir auf. So kann man doch die Leute nicht erreichen. Ich hab darauf geantwortet mit >äh, mmh ja, aber und wollen wir nicht was essen gehen?< Und das haben wir dann auch gemacht. Sie meinte, irgendwohin, wo man auch Stulle essen kann. So schön zum Abendbrot.
Wie wir dann da saßen und es gab auch schön Bratkartoffeln, da fiel mir auf, das es irgendwie gut ist, wenn man weiß, daß man das, was man ißt, auch bezahlen kann. Und das hat meine Mutti auch gemacht. Und ich hab dann erzählt, daß Ringelnatz auch nicht studiert hat, und die gegenüber bei uns wohnen auch nicht, und die sind auch ganz lustig und haben immer viel zu erzählen und mmh, ja, äh, es ist ja auch so, es kann ja nicht nur Leute wie Jürgen Kuczinsky geben.
Nicht erzählen konnte ich ihr, daß ich gestern bei einer obskuren Absinth-Party war, wo ich mir wieder ein bißchen mehr Verstand weggetrunken habe. Das ist ein Zeug. Das haben sie nicht umsonst in fast allen Ländern Europas verboten. Schmeckt widerlich und danach fragt man Leute, ob sie Probleme mit der Größe ihres Schwanzes haben, oder läßt wildfremden Menschen die Luft aus ihren Autoreifen, nur um mal zu hören, wie das so klingt.
Wenn ich ehrlich bin, wäre ich schon gerne jemand wie Jürgen Kuczinsky. Auf einer anderen Ebene natürlich. Aber eben jemand, den man ernst nimmt. Jemand, der einen Gedanken auch richtig zuende erzählen kann. Aber vielleicht muß ich mich auch damit abfinden, so zu sein wie Helmut Kohl in etwa. Mmh ja, so in etwa.
Ich will nicht studieren. Nicht daß ich nicht studieren will. Oder doch? Warum kann nicht einfach alles so laufen, fließen, einfach so? Zum Beispiel: Geld. So wie in den Romanen von Paul Auster. Erst hat es der, dann kommt es zu jemand anders, dann wieder - hui - hat es einer, von dem man es gar nicht gedacht hätte. Und es wird nie weniger, das Geld. Es fließt.
Das einzige was bei mir gerade fließt, ist das Eigelb, und zwar durch die Gabel durch auf meine frischgewaschene, frisch geflickte - mit frischen Lederherzen geflickte - Hose. Wie sieht das überhaupt aus? Das mit dem Eigelb, aber auch mit den roten Lederherzen. Würden Sie sich von so jemandem eine Großmutter verkaufen lassen?!! Ich weiß schon, was meine Mutti jetzt denkt: Jürgen Kuczinsky hätte so eine Hose nie angehabt!
Ein Rosenverkäufer tritt an unseren Tisch. Er will, daß ich ihm eine Rose abkaufe, mindestens eine. Ich kaufe keine Rose. Nein, die verwelken sowieso in dem Augenblick, in dem man sie in die Hand nimmt. Dabei sagt man doch, Rosen, das sind Blumen für die Ewigkeit! So eine Rose, die würd ich ihm schon abkaufen. Eine ewige Rose, wer hat das schon? Ich glaube selbst Jürgen Kuczinsky, auch wenn er mindestens zehn Studienrichtungen erfolgreich abgeschlossen hat, hat niemals eine solche Rose besessen.
Der Rosenverkäufer war ob des ihm entgangenen Geschäfts noch nicht mal richtig traurig Vielleicht wußte er auch, was ich wußte. Nämlich, daß eine Frau namens Susanthika Jayasinghe aus Sri Lanka Zweite bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften über 200 Meter geworden ist.
Meine Mutter wußte das nicht. Sie wußte aber, daß auch Heinrich Heine eine, sagen wir mal, schöne Sprache gehabt hat.
Äh, mmh ja, mmh.