Bov Bjerg: Das Grauen
Es klingelt. An der Tür. Hm. Da draußen lauert jetzt also das Andere, das Fremde, kurz: das Grauen. Soll man da überhaupt aufmachen? Na gut. Es ist männlich, hat ein kurzärmliges Hemd an und schwitzt. Hm.
»Sind Sie das Grauen?«
»Sind Sie Herr Bjerg?«
»Sag ich nicht. Sind Sie das Grauen?«
»Nein, der Postbote.«
»Ich hab keine Post bestellt.«
»Ein Telegramm.«
»Oh, ein Telegramm? Für mich? Was Schlimmes?«
»Weiß ich nicht.«
»Können Sie mich nicht anrufen und mir das Telegramm vorlesen? Da sparn Sie sich doch den Weg.«
Es klingelt. Im Telefon. Hm. Da drinnen lauert jetzt also das Andere, das Fremde, kurz: das Grauen. Soll man da überhaupt rangehen? Na gut.
»Wer da?«
»Das Grauen.«
Wußt ich´s doch.
»Entschuldigung, ich hab mich versprochen. Hier ist die Telekom.«
»Hab ich die Rechnung nicht bezahlt? Schalten Sie mir jetzt das Telefon ab?«
»Ich möchte Ihnen ein Telegramm vorlesen.«
»Oh, ein Telegramm? Für mich? Was Schlimmes?«
»Weiß ich nicht.«
»Aber Sie wollns mir doch vorlesen.«
»Ja, aber: Postgeheimnis.«
»Ach so. Wenn das so ist, entbinde ich Sie jetzt vom Postgeheimnis, Sie lesen sich das Telegramm in aller Ruhe durch, und wenn´s was Schlimmes ist, behalten Sie´s einfach für sich.«
»Das geht nicht.«
»Können Sie nicht schweigen?«
»Sie können mich nicht vom Postgeheimnis entbinden. Das kann höchstens der Absender.«
»Ach so. Wer ist denn das?«
»Postgeheimnis.«
»Na, da haben Sie uns ja in eine verzwickte Situation hineinmanövriert.«
»Ja. Man könnte auch sagen: In eine ausweglose Lage bugsiert.«
»Da gibt´s kein vor und kein zurück.«
»Wir könnten einen neutralen Vermittler einschalten.«
»Zum Beispiel den postpolitischen Sprecher der PDS.«
»Einen Postkommunisten?«
»Na, dann eben nicht.«
»Na, dann eben nicht.«
»Sag ich doch.«
»Ja.«
Diese Geschichte soll die zunehmend weniger werdende Bereitschaft einer immer verkrusteteren Gesellschaft von saturierten Besitzstandwahrern, den Realitäten ins Auge zu sehen, anprangern.
