Benedikt Eichhorn: Endlich prominent, endlich Talkshowgast
Ich war aufgeregt - und stolz. Auf meinem Anrufbeantworter hatte sich ein Mensch mit sympathischem S-Fehler hinterlassen, der mich in die Talkshow Meiser als Gast einlud. 500 Mark plus Reisekosten. Ich rief sofort zurück, erfuhr, daß der Termin feststehe, aber noch nicht das genaue Thema, es solle aber um meine Tätigkeit als Pianist und Schauspieler gehen. Na bravo.
Wir tauschten uns aus über Sprachbehinderungen, die es manchen Menschen unmöglich machen, vor einer Kamera oder einem Mikrophon zu stehen, lachten, und er bat mich, ihm meinen beruflichen Werdegang und meine Hobbys zu faxen, die sollten den Einstieg bilden in ein Gespräch über die Berliner Kleinkunstszene. Ich fand ziemlich witzig, daß ich mich aus Scheiß für Fußball interessiere, deutsche Krimis anschaue, meine Freundin beim Sex beschimpfe, auf nächtlichen Autofahrten als Beifahrer mir gerne mit Dosenbier und Chips die Kante gebe, Briefmarken sammle und außerdem Schach spiele. Heiter faxte ich den Schwachsinn nach München. Endlich eine Chance, den Laberheinis zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Ohne weitere lästige Vorgespräche setzte ich mich am Tag X in Bewegung. Im Flieger (in diesem Zusammenhang kann ich leider nur Flieger sagen) pfiff ich mir zwei Sekt rein und erklärte meiner Nachbarin, einem norwegischen Aupairmädchen, den Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen in der Bundesrepublik und referierte über die scheinbare Anonymität, die einfach strukturierten Talkshowgästen, die der Streßsituation Fernsehen nicht gewachsen sind, manchmal so unglaublich die Zunge lockert. Würde ich es vertragen, ich hätte eine Zigarre geraucht.
Der Sprechfehler holte mich am Flughafen ab, auf der Fahrt bot er mir einen Piccolo an, um mir die Nervosität zu nehmen, ich fand das nett. Genauso nett wie Papa Meiser, der uns Studiogäste, den Holger, die Britta und den Benedikt mit jeweils einem Gläschen Sekt begrüßte.
Als die Aufzeichnung begann, war ich wieder aufgeregt - und stolz. Die ersten fünfzehn Minuten der Sendung schenkte ich mir, saß in der Gästegarderobe mit der süßen Assistentin und verhandelte bei einem Glas Rotwein über die Spesen. Während eines Werbeblocks wurde ich hereingeführt, nippte an dem Beaujolais neben meiner Sofaecke und dachte mir: Den Hanseln werd´s ich schon zeigen. Ging im Kopf nochmal die Namen der Berliner Kollegen durch, die ich unbedingt erwähnen wollte.
Thema der Sendung war: Läßt sich für Geld demütigen. Hans Meiser sprach mich an mit der Frage: »Benedikt, Sie verdienen ihr Geld durch Selbstbeschädigung, müssen Sie deswegen in der Freizeit anderen schaden?« Das Lämpchen der auf mich gerichteten Kamera leuchtete auf. »Buuuh!« ging durch das Studiopublikum. Unter meinem bildfüllenden Portrait war eingeblendet: Hobby: Besoffen rumrasen.
Bevor ich erklären konnte, daß ich auf der Bühne eine Rolle spiele, die ich selbst entwickelt habe und die daher natürlich aus meinen ureigenen Verhaltenspattern schöpft, aber mich unterm Strich wahnsinnig sympathisch erscheinen läßt, und durch den Spaß am Zynismus lebt und ich schon annähme, daß ein theatererfahrener Zuschauer in meiner Bühnenpräsenz auch eine schauspielerische Leistung sähe, meinte der Callboysexsklave Holger zu meiner Linken, ich sei eine gemeingefährliche Sau, die genauso wie Vergewaltiger und Kinderschänder über die Haft hinaus in Sicherungsgewahrsam gehöre. Das Publikum gab ihm johlend recht, die Bundestagsprotokollantin zu meiner Rechten begann zu weinen.
Meiser räumte sich eine akustische Lücke frei für die Frage: »Benedikt, wie heißt ihre Freundin? Wie heißt ihre Freundin?«
Ich hatte überhaupt keine Lust auf Entblößung meines Privatlebens, dachte mir einen wohlklingenden Fantasienamen aus und ließ meinen in dieser Sendung einzigen vollständigen Satz vom Stapel: »Meine Freundin heißt Llliana.« Meiser: »Könnten Sie das nochmal wiederholen?«
Ich gab mir Mühe: »Llliana.« Benedikt der Prächtige war in die Falle gelaufen. »So einer hat meinen Jungen überfahren!« schrie die hysterisch gewordene Britta aus Bonn. Das Studio brodelte. Ich brüllte in das tobende Publikum: »Beifaahn! Nur beifaahn! Ich fahr bei, meine Fresse, nich selber!« Die enthemmten Spießer kriegten sich aber nicht mehr ein.
Britta mit dem toten Kind zeigte mit dem Finger auf mich uns stammelte: »So jemand wie der, so jemand wie der... !« Der Sprechfehler wurde von Meiserarsch hereingewunken und bedeutete mir herauszukommen. Ich stand auf, wollte mit meinem Glas dem Volk zuprosten und eine Fernsehpremiere landen in der Art von: >Ihr seid der Schleim, der an seiner eigenen erstickt! Wenn ihr Brot und Spiele wollt, entwickelt eure Phantasie und eure Persönlichkeit, aber sucht nicht Opfer durch voyeuristischen Mediensadismus!< Da hatte ich aber schon eine Ohrfeige der ehemaligen Mutter sitzen.
Der grinsende Sprechfehler und die Assistentin trennten uns, zogen mich raus.
In der Garderobe murmelte der Büttel: »Aßtrein, mann, war daß aßtrein, unglaublich aßtrein.« Mir dröhnte der Schädel. Während die Dumpfbacke meinen Scheck ausfüllte, sah ich auf dem Monitor, wie Meiser einen Ansprache in die Kamera hielt:
»Liebe Liliana. Du kennst deinen Freund Benedikt besser als wir, wahrscheinlich hat er andere Seiten als die, die wir hier erlebten. Vielleicht hast du die Möglichkeit, auf ihn Einfluß zu nehmen. Allein in Berlin kamen im letzten Jahr 194 Kinder im Straßenverkehr um, unschuldige Kinder, die alle Mütter wie Britta hinterließen. Liliana, als Künstler sucht man sich häufig andere Freiräume, als es den meisten Menschen ermöglicht ist, und wir gestehen euch diese Freiräume auch zu. Aber wo das Leben von Kindern auf dem Spiel steht, möchte ich dich bitten: Du bist eine Frau, die mal ein Kind haben kann. Es kann sein, daß dieses Kind dir sehr viel bedeuten wird. Nimm den Schmerz von Britta, und zeig deinem Freund Benedikt, daß Alkohol am Steuer, und sei es in der Nähe des Steuers nie - und ich meine damit: Nie! - ein Weg sein kann, über Frustrationen, die man als Künstler erlebt, hinwegzukommen. Zeig es ihm, mit all deiner Zuneigung, Zärtlichkeit und Liebe.«
Seit der Ausstrahlung der Sendung guckt mich meine Bäckerin nicht mehr an und der dicke Evers verschiebt dauernd die Doppelkopfrunde. Es gibt also Menschen, die diesen Scheiß gucken.