Jürgen Witte: Die Salbader.-Worterklärung
Kalandern
Ganz früher gab es in Berlin eine Kalandsgasse. Mitten in der Stadt, in dem Viertel, von dem außer der etwas verloren neben dem Fernsehturm stehenden Marienkirche nichts mehr übrig ist. Wo heute der Wind über kahle sozialistische Großzügigkeit pfeift, da war ehedem Berlin Altstadt, schmale Häuschen, enge Sträßchen, düstere Höfe. Die Herren Kaiser und Könige, so denke ich, haben bestimmt immer nach Westen, zu den Linden hin, aus den Stadtschloßfenstern gekuckt.
In dieser Kalandsgasse nun befand sich das Haus der Kalandsbrüder. Ein, wie Franz Hessel in seinem Buch >Spazieren in Berlin< schreibt, ehemaliger weltlicher Orden, ursprünglich den asketischen Idealen der Bettelmönche verpflichtet, der im Laufe der Jahre ziemlich vor die Hunde gegangen ist. Diese Leute sollen so verrufen gewesen sein, daß das Wort Kalandern eine in Berlin übliche Bezeichnung für >eine besonders wüste Form des Müßiggangs< gewesen sei.
Franz Hessel war ein vornehmer Formulierer. Was also haben wir uns unter einer >besonders wüsten Form des Müßiggangs< vorzustellen? Penetrante Schnorrer waren das. Mindestens so rüde wie die hundehaltenden Punks, die auf der Kottbusser Brücke bierdosenschwenkend ihren Wegzoll verlangen. Und sind nicht auch jene ein ziemlich vor die Hunde gegangener Haufen junger Leute, die - vom ehedem hehren Ideal einer den Besitz und seine Zurschaustellung verachtenden Kultur - zu dieser wüsten Form des Müßiggangs heruntergekommen sind?
Kalandern sei, so steht im aktuellen Duden, >ein Bearbeitungsprozeß bei der Herstellung von Plastikfolien<. >Eine besonders wüste Form des Müßiggangs< aber bleibt die viel schönere Worterklärung.