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Jürgen Witte: Die Salbader.-Worterklärung

Kalandern

Ganz früher gab es in Berlin eine Kalandsgasse. Mitten in der Stadt, in dem Viertel, von dem außer der etwas verloren neben dem Fernsehturm stehenden Marienkirche nichts mehr übrig ist. Wo heute der Wind über kahle sozialistische Großzügigkeit pfeift, da war ehedem Berlin Altstadt, schmale Häuschen, enge Sträßchen, düstere Höfe. Die Herren Kaiser und Könige, so denke ich, haben bestimmt immer nach Westen, zu den Linden hin, aus den Stadtschloßfenstern gekuckt.

In dieser Kalandsgasse nun befand sich das Haus der Kalandsbrüder. Ein, wie Franz Hessel in seinem Buch >Spazieren in Berlin< schreibt, ehemaliger weltlicher Orden, ursprünglich den asketischen Idealen der Bettelmönche verpflichtet, der im Laufe der Jahre ziemlich vor die Hunde gegangen ist. Diese Leute sollen so verrufen gewesen sein, daß das Wort Kalandern eine in Berlin übliche Bezeichnung für >eine besonders wüste Form des Müßiggangs< gewesen sei.

Franz Hessel war ein vornehmer Formulierer. Was also haben wir uns unter einer >besonders wüsten Form des Müßiggangs< vorzustellen? Penetrante Schnorrer waren das. Mindestens so rüde wie die hundehaltenden Punks, die auf der Kottbusser Brücke bierdosenschwenkend ihren Wegzoll verlangen. Und sind nicht auch jene ein ziemlich vor die Hunde gegangener Haufen junger Leute, die - vom ehedem hehren Ideal einer den Besitz und seine Zurschaustellung verachtenden Kultur - zu dieser wüsten Form des Müßiggangs heruntergekommen sind?

Kalandern sei, so steht im aktuellen Duden, >ein Bearbeitungsprozeß bei der Herstellung von Plastikfolien<. >Eine besonders wüste Form des Müßiggangs< aber bleibt die viel schönere Worterklärung.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:08
erstellt von jero
Nummer 21
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Kurznachrichten: Häppchen
Horst Evers: Bundesrepublik Evers Jürgen Witte: Im Westen führen alle Wege auf die Couch Susan Dreyer: Ich zeige Kontakt an Hans Duschke: Die Nacht in der Obdachlosen- notunterkunft Bov Bjerg: Umzüge Sarah Schmitt: 30 Jahre lang belogen Hinark Husen: Frau Comunis singt Manfred Maurenbrecher: Musisch Ahne: Nachruf auf Jürgen Kuczynski Bov Bjerg: Das Grauen Benedikt Eichhorn: Endlich prominent, endlich Talkshowgast Jürgen Witte: Die Salbader. - Worterklärung Horst Evers: Zukunftsfragment 9 Gabi Schlaug: Tschüß, Heinz Andreas Scheffler: Wer das Wetter macht, ist scheiße Funny van Dannen: Der gute Riecher Mark-Stefan Tietze: Orangenhaut Hinark Husen: Ich war Mr. Bierbauch Nr.5 Hans Duschke: Der Achsel-Effekt Sarah Schmidt: Die perfekte Lösung Sascha Agocs: Der Deal Jürgen Witte: Deckname Lyrik -Ein Gespräche Bov Bjerg: Ein Scheiß-Abend Horst Evers: Monika Rolf M. Thum: Ein Sachverhalt Andreas Scheffler: Aufstehn - das Protokoll Andreas Scheffler: Wer bin ich Jürgen Witte: Der Kabinenroller der Kanäle Hans Duscke: Oma
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XXIII
Kavara Bistroj: Der Ausländer
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