Horst Evers: Zukunftsfragment 9
Das Vegi-Huhn
Das Vegi-Huhn von 2073 war das erste voll vegetarische Huhn. Schenkel, Flügel und Korpus bestehen aus rein pflanzlichen Stoffen, der gesamte Organismus funktioniert wie bei jedem anderen Huhn auch, nur daß alle Organe mehr oder weniger Gemüse oder Tofu sind. Trotzdem schmeckt es total nach Huhn. Statt Eiern legt es Aprikosen, aus denen dann wieder neue Vegi-Hühner schlüpfen.
Bis heute geht der Streit, ob das Vegi-Huhn ein Tier oder eben die erste laufende, gackernde und denkende Pflanze ist.
Ein Streit, der sich wohl auch so schnell nicht klären läßt, da niemand weiß, woher das erste Vegi-Huhn eigentlich gekommen ist. Im Wesentlichen gibt es hierzu zwei Theorien.
Theorie 1 geht davon aus, daß das Vegi-Huhn das Ergebnis eines klassischen Evolutionssprungs des einfachen Haus- und Zuchthuhns ist, das sich den veränderten Ernährungswünschen der Menschheit angepaßt hat.
Theorie 2 hingegen behauptet, daß die Vegi-Hühner eine außerirdische Lebensform sind, die die Erde besucht haben, weil sie Kontakt mit den Menschen aufnehmen wollten. Leider ließ sich dieser Kontakt bislang noch nicht herstellen, da die Vegi-Hühner, immer kurz bevor sie eine Kommunikationsmöglichkeit entwickeln konnten, aufgegessen wurden.
Theorie 2 ist so abwegig nicht. Immerhin bemerkte man auch erst im Jahr 2023, daß die Avocados keinesfalls ein Gemüse, sondern Nachkommen einer außerirdischen Zivilisation sind, die bereits seit vielen tausend Jahren auf der Erde leben und versuchen, Kontakt mit den Menschen aufzunehmen, aber immer kurz vor dem Entwickeln einer Kommunikationsmöglichkeit aufgegessen wurden. Die Menschheit staunte nicht schlecht, als sie 2023 von der ersten sprechenden Avocado erfuhr, daß es die Avocados waren, die immerhin so imposante Sachen wie die Pyramiden und die gewaltigen Bauten im Land der Azteken auf die Erde gestellt hatten. Das hatte den Avocados niemand zugetraut.
Das Bedauern der Menschheit über Millionen achtlos aufgegessener Außerirdischer (Avocados) war natürlich riesengroß. Als man dann auch noch erfuhr, daß die Avocados von einem Planeten stammen, den sie selbst Großbritannien nennen, beschloß man wenigstens als kleine Wiedergutmachung, die Avocados von nun an zumindest mit ihrem richtigen, eigenen Namen anzureden. Nämlich Briten vom Planeten Großbritannien. Und um Verwechslungen vorzubeugen, nannte man natürlich die irdischen Briten aus Großbritannien von nun an Avocados. Das war ja nur logisch, da waren sich alle einig, außer den Engländern, die sich natürlich wieder querstellten. Sie, also die Neu-Avocados wollten einfach keinen Gefallen an ihrem Namen finden und wollten sogar aus der Erde austreten, wußten aber nicht, wie sie das machen sollten.
Die seinerzeit 123 Jahre alte Queen Elizabeth soll sogar überlegt haben, ob diese Krise nicht ein Grund wäre abzudanken, kam aber zu dem Schluß, daß ihr 97jähriger Sohn Prince Charles noch nicht die nötige Reife besäße für das Amt des Königs von Groß-Avocadien.
Wie dem auch sei, schon vor den Vegi-Hühnern hatte es Versuche gegeben, aus ökologischen Gründen, um die langen Transportwege der Nahrungsmittel in die Ballungszentren umweltbewußter zu gestalten, einige Obst- und Gemüsesorten mit Beinen und Flügeln zu züchten, damit sie selbstständig in die Städte gehen oder fliegen können. Aber als der erste ganz große Schwarm spanischer Flugtomaten bei ihrem Flug nach Bremen genau über Luxemburg einen Schwächeanfall erlitt, komplett auf Luxemburg klatschte und alles mit einer anderthalb Meter hohen Schicht Tomatenmark bedeckte, ließ man wieder von der Gemüseflügelforschung ab.
- Endet hier.