Gabi Schlaug: Tschüß, Heinz
In einer kalten Nacht im November höre ich im Treppenhaus Getrampel und Geschrei von Art, wie es einen nichts Gutes ahnen läßt. Funkgeräte rauschen und piepen, es ist klar, daß deren Besitzer in unangenehmen Uniformen stecken. Das gibt ihnen die Kraft, so und energisch an die Türen zu klopfen, als würden sie sie notfalls auch eintreten.
Das hätte ich nicht gedacht, daß die so schnell, so pünktlich und so gewaltbereit sind!
Sofort schalte ich Musik und Licht aus und schleiche mich auf Zehenspitzen zur ür. Ich höre gerade noch, wie eine jämmerliche Frauenstimme behauptet, sie würde doch nur selten Radio hören, und dann auch gar nicht so konzentriert.
Jetzt haben sie mich, denke ich und schleppe mich entkräftet zurück ins dunkle Zimmer, frage mich, wie lange ich das aushalten werde, als es gerade wieder an die Tür schlägt. Um mir die Zeit zu vertreiben, erinnere ich mich an all die unglaublichen Geschichten, die über das Vorgehen der Vollstrecker der Gebühreneinzugszentrale kursieren. Zum Beispiel die vom Durchsuchungsbefehl, der flott besorgt wird - im Falle, einer weigert sich, dem Schnüffler Einlaß zu gewähren. Da sein Kollege zwischenzeitlich die Tür bewacht und man so daran gehindert wird, das verhängnisvolle Gerät zum Nachbarn zu tragen, bleibt einem immerhin die Zeit, dem Corpus delicti, auf das sie gewissenhaft ihre Schnüfflerhand legen werden, um zu prüfen ob es von einer illegalen Nutzung noch warm ist, die Zufuhr zur Stromversorgung abzuschneiden. An dieser Stelle enden die Erzählungen meist, deren legendenhafter Charakter einen positiven Ausgang der Geschichte fraglich erscheinen läßt.
Mehrmals habe ich überzeugt auf den mir zugeschickten Fragebögen angekreuzt, daß ich weder im Besitz eines Fernsehers noch eines Radiogeräts wäre und bin bei der dritten Aufforderung, das Gegenteil zu gestehen, so wütend geworden, daß ich im Begriff war, einen Beschwerdebrief an die Behörde zu schreiben, in dem ich bitter beklagen würde, daß man mich der Unaufrichtigkeit bezichtigte.
Nun gut, so sind sie mir zuvorgekommen.
Sie trampeln weiterhin auf meiner Etage umher, klopfen, und aus ihren Funkgeräten krächzt es angeberhaft. Nach einer Stunde denke ich, daß sie jetzt langsam mal wieder abziehen könnten. Stattdessen erobern sie den Hinterhof, stellen Leitern an die Hauswand, klettern hinauf, um mit der Taschenlampe in die Wohnung gegenüber zu leuchten. Einer schreit immer: »Hier is keener, ick seh nüscht!« So fahndet man heutzutage nach Fernsehern? Ich bin kurz davor, mit erhobenen Händen vor die Tür zu gehen. Zitternd kniee ich in meinem dunklen, stillen Zimmer vor dem Fenster, um dem Treiben der Uniformierten zuzusehen. Mein armer Nachbar. Den hat es jetzt erwischt. Er hat nur sein Radio angemeldet, um immer, wenn der Fernseher im hinteren Zimmer an war, das Radio in der Küche ganz laut zu stellen. Er hat mir mal erklärt, wie diese Strategie im Ernstfall wirken würde, und ich weiß, daß ich sehr beeindruckt war, auch wenn ich es jetzt nicht mehr wiedergeben kann. Nach Stunden der Angst schlafe ich ein. Gerädert erwache ich und versuche meinen Nachbarn anzurufen. Doch er meldet sich nicht, und ich sehe ihn auch nicht.
Tage später steht an seinem Briefkasten: Verstorben. Und das, was in jener Nacht geschehen ist, war sein furioser Abschied. Ich habe Fernseher und Radio verschenkt. Ihre Gegenwart ließ in mehrfacher Hinsicht eine merkwürdige Unruhe in mir aufkommen.