Andreas Scheffler: Wer das Wetter macht, ist scheiße
Wenn man für ein Konzert 66 Mark ausgibt, dann erwartet man auch ein dem Preis angemessenes, angenehmes Erlebnis. Ich hatte bisher Mozarts Zauberflöte lediglich auf Musikkassetten gehört und willigte gern ein, mir den Klanggenuß auch einmal live zu gönnen. Wir taten uns zu drei Paaren zusammen und bestellten Mitte Januar die Karten. Von nun an freuten wir uns auf den lange im voraus geplanten Abend. Ich war auch noch nie in der Waldbühne gewesen, und so kam es günstig, daß das Konzert unter der Leitung von Daniel Barenboim in ebenjener Waldbühne stattfinden sollte. Für mich persönlich also zwei Premieren an einem Tag. Wir wollten Wein in Plastikflaschen füllen und belegte Brötchen einpacken, die Männer außerdem noch je einen Flachmann, falls es zur Dunkelheit hin kühler werden sollte. - Ein audio-visuelles Ereignis mit Picknick.
Am 20. Juni kündigt die Berliner Zeitung für den folgenden Tag Bewölkung an. Tatsächlich beginnt es am Vormittag zu regnen. Kann man nichts machen, dann soll es sich eben bis zum Abend ausregnen. Unsere gute Laune ist ungetrübt, besonders, als es gegen drei Uhr heller wird und schließlich aufhört zu gießen. Bis zum Abend werden auch die Holzbänke der Waldbühne wieder trocken sein, und Decken zum Drauflegen nehmen wir sowieso mit. Nach einer halben Stunde geht der Regen wieder los. »Wenn das beim Konzert noch schüttet, kann ich bestimmt ´ne prima Geschichte drüber schreiben«, sage ich. Sabine findet das nicht lustig. »Nee«, ergänze ich, »das ist jetzt das Schlußstakkato. Jetzt schüttet´s nochmal kräftig, und dann ist nichts mehr da, was runterkommen kann.«
Um halb sechs kommen unsere Freunde und stellen ihre Regenschirme in die Dusche. Sie lachen und sagen: »So kann´s gehen.« Die Männer trinken schon mal einen Schnaps, die Frauen ein Glas Sekt, und dann geht´s los zur U-Bahn Richtung Olympia-Stadion. »Wenn wir da sind, hat der Regen bestimmt aufgehört«, ist die einhellige Meinung. Am Nollendorfplatz ist davon nichts zu merken, und wir machen die erste Flasche auf. Torsten schüttet einer finnischen Touristin im weißen Kostüm versehentlich Rotwein neben den Schuh. Deibel, das war aber knapp! Britta bemerkt, daß Torsten immer so ungeschickt sei, und Torsten trinkt einen Schnaps. Ich auch. So vergeht eine zähe Stunde.
Vor der Waldbühne erlebe ich die größte Menge von Schirmen, die ich je auf einmal gesehen habe. Beeindruckend. Meine Eintrittskarte ist bereits nach drei Minuten aufgeweicht. Mittlerer Rang, freie Platzwahl. Wir sind anderthalb Stunden vor Beginn des Konzertes da, schließlich wollen wir picknicken. In der heutigen Zeit sind sehr große Schirme besonders beliebt. Folglich stellt es sich als erheblich schwierig heraus, eine freie Bank für sechs Personen zu finden. Noch schwieriger ist es zu picknicken, wenn man nur eine Hand zur Verfügung hat, weil die andere einen Schirm halten muß. »Hältst Du mal«, ist der am häufigsten gesprochene Satz. »Wenn ich die Bulette aufhabe«, der zweithäufigste. Ich verzichte aufs Essen und rauche. Der Qualm sammelt sich unter meinem Regenschirm und erreicht die Dichte einer Prenzlauer Berg-Szene-Kneipe. Der Schirm vor mir leitet Bäche Wassers auf meine Knie, meine Hose leitet den Fluß weiter in meine Schuhe. Mein Nebenmann Torsten zerrt am Regenschutz seines Vordermanns, damit dieser ihn in einem anderen Winkel hält. Ich sage: »Idioten gibt es überall.« Es herrscht Unsicherheit, wen ich damit gemeint hätte.
Irgendwann hören wir eine Ansprache des Veranstalters: »Sie haben im Gegensatz zu Tamino die Wasserprobe bereits bestanden«, sagt er lustig. Ich lache nicht, ich schmunzele nicht einmal, sondern falte meinen Schirm zusammen. Ich bin ohnehin schon naß. Regenwasser tropft in meinen Wein, egal, dann trinke ich eben Schorle. - »Die Zauberflöte ist doch eine von Mozarts kürzeren Opern, oder?« frage ich Sabine. »Na ja«, sagt sie, »so etwa drei Stunden.« - Ich weiß nicht, woher ich diese Schicksalsergebenheit habe. Wasser im Wein, im Kragen, in den Schuhen. Die Hose klebt feucht am Hintern. Ich sehe garantiert ziemlich scheiße aus. Regen auf Haarspray hat den Effekt, daß alles klebt und sich anfühlt, als hätte mir jemand Sirup einmassiert.
Aber die Zauberflöte live, das Orchester hinter den Schauspielern im Trockenen, die Schauspieler auf einem Drittel ihrer üblichen Aktionsfläche und ich mit einem Viertel meiner normalen Sicht auf einem nassen Brett. Super-Breitwand zwischen abschirmenden Schirmen. Was ich gelassen hinnehme, sorgt zehn Meter vor uns für eine Schlägerei. Die Polizei schreitet ein und führt einen Herrn mit blauem Auge ab.
Zur Darbietung: Den Akteuren auf der Bühne und dem Publikum auf den Rängen scheint eines gemeinsam: Sie haben keine rechte Lust. Allein Pamina und Papageno bieten eine glänzende Leistung. (»Als ob Du das beurteilen könntest!«, höre ich Duschke höhnen, aber darauf pfeife ich.) Valeria Esposito als Königin der Nacht schlampt bei den Koloraturen und Barenboim dirigiert im Sitzen. Wir frieren und trinken Wein und Schnaps. Insgesamt fünf Stunden lang. Der abschließende Beifall fällt gemächlich aus. Eine Stunde später sind wir zu Haus, stellen den Gasherd an, trinken die Reste und sind uns einig, daß Musik und Gesang vom Tonträger auch was Schönes ist.