Funny van Dannen: Der gute Riecher
Vor langer, langer Zeit, als es noch keine Münzen gab, nur morsche Groschen aus Holz, saß ein musizierender Bettler am Eingang von Karstadt.
Aus seinem Akkordeon hingen schmierige Lappen, und viele Leute meinten, das wäre gar kein Instrument, sondern eine gewöhnliche Kartoffelkiste. Schweigend ertrug der Musikant die beiläufigen Anwürfe des Publikums und brummte weiter seine streng improvisierten Melodien. Da wurde ihm auf einmal vorn am Unterleib ganz warm und wohlig zumute. Er wollte schon die Wirkung seiner Musik lauthals preisen, als er auf seinem Schoß einen schmutzigen Zaunkönig entdeckte.
Der Bettler begriff, daß der nasse Fleck auf seiner Hose von dem mickrigen Vogel stammte, und er wollte ihn mit einer Hand zerquetschen. Der Vogel aber hüpfte flugs auf die Schulter des Mannes und flüsterte in sein Ohr: Siehst du, ein bißchen Flüssigkeit wirkt Wunder!
Ich verstehe nicht ganz, entgegnete der Bettler ärgerlich. Du pinkelst mir die Hose voll, und das soll toll sein? Sei ehrlich! piepste der Zaunkönig, war es nicht ein schönes Gefühl? Ja, schon, räumte der Bettler ein, aber ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst. Bei mir ist nichts zu holen! Oder lebst du gratis?
Wer lebt schon gern umsonst, erwiderte der Vogel. Aber wir können zusammenarbeiten! Der Bettler grinste. Mir ist aufgefallen, flüsterte der Vogel, daß du bei deiner Arbeit gar nicht schwitzt! Du kennst doch das Sprichwort: Ohne Schweiß kein Preis! Der Bettler nickte und grummelte: Manche schwitzen leicht und manche nicht.
Laß mich unter deiner Mütze sitzen, schlug der Zaunkönig vor. Dann wirst auch du bald schwitzen und die Leute werden ihre Groschen in dein Spendensäckchen stopfen, daß es nur so... - Beeil dich! rief der Bettler und schob das clevere Vögelchen schnell unter seine Mütze.
Er brummte seine Melodien. Die ersten Tropfen Vogelpipi rannen durch sein aufgedunsenes Gesicht. Die ersten Leute blieben stehen. Sie sahn sich an und schnupperten. Zaunkönigpisse! sagte eine kleine Frau. Genau, riefen die anderen. Ein großer Mann trat auf den Bettler zu und schlug ihm mit der flachen Pranke kräftig auf die Mütze. Es wurde still.
Rote Tropfen floßen über das jetzt extrem entspannte Antlitz des genialen Dilettanten.
Tja, damals hatten die Leute noch intakte Nasen! Ihr Humor war derber, die Aktionen sehr direkt. Der Bettler lehnte sich zurück und blinzelte verzweifelt in die Sonne. Zwei Frauen legten ihm Gemüse in das Akkordeon, ein Mütterchen tat Brot dazu, ein junger Mann zwei Fläschchen Underberger.