Mark-Stefan Tietze: Orangenhaut
Es war ja immer nur abgefeimte Propaganda von Pfaff und Pfeffersack, daß Tod und Krankheit große Gleichmacher seien. In Wirklichkeit benutzten die feinen Herrschaften seit jeher Krankheiten, diese Sensen des Schicksals, die angeblich alle Ähren aufs gleiche Maß zurechtstutzen, als Mittel der sozialen Unterscheidung. Tennis-Arm und Polo-Knie kommen natürlich dem Status zugute; mit Pfeifferschem Drüsenfieber kann man sich zumindest fast überall sehen lassen. Dagegen krebst im gesellschaftlichen Siechenhaus herum, wer sich eine jener schäbigen low-prestige-diseases wie Grippe, Krätze oder Feigwarzen zugezogen hat.
Als klare Modernisierungsverliererin ist auch die Cellulite (»Orangenhaut«) nicht gut gelitten. Daß dieser spezifische Fettgewebszustand allerdings seit einigen Jahren zunehmend mit Hohn und Spott übergossen wird, ja, daß inzwischen mancher Steh-Auf-Komödiant ganze Abende mit Witzchen über Orangenhaut bestreiten kann, ohne daß dem Publikum langweilig wird, läßt sich aus der Sache selbst nicht mehr erklären. Diese Dellen und Wölbungen und bis zum 400fachen ihres eigentlichen Volumens vergrößerten Fettzellen an Hüften, Po und Schenkeln haben schließlich nichts originär Lustiges oder Verabscheuenswürdiges an sich.
Vielmehr scheint es, als richte sich die komisch camouflierte Verachtung insgesamt gegen die Opfer und ihre sozialen Charakteristika. Die Spötter und Lacher gehören nämlich zu über 95 Prozent dem männlichen Geschlecht an. Cellulitis ist dagegen eine hormonbedingte weibliche Spezialität, die sich gern gerade im höheren Alter zeigt und wohl zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen gerechnet werden muß. Das Interesse am cellulite-bashing liegt also auf der Hand: Hier bekämpfen Männer, und damit immerhin künftige Bartflechte-Patienten, ihre Angst vor den Frauen - und die vor dem Alter. Beide Ängste zusammen kulminieren gemeinhin in der mythischen Horrorfigur der Hexe oder häßlichen alten Vettel, eben der personifizierten Orangenhaut.
Sowas ist nicht fair und reproduziert letztlich nur Unterdrückung. Unsere Kandidaten für Prostata-Monstrositäten sollten sich daher eines besseren besinnen und die Konstruktion sogenannter Frauenleiden durchschauen lernen. Schließlich werden im Patriarchat auch dicke Beine, Krampfadern und Besenreiser in ähnlicher Weise zur (ästhetischen) Diskriminierung benutzt. Mit der entsprechenden Einsicht ausgestattet, könnten sich die Hodenkrebs-Anwärter von morgen dann eine andere Minderheit zum Quälen suchen, während den Cellulitiden und Ödematösen mal eine kleine Menopause gegönnt sei.
