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Hinark Husen: Ich war Mr. Bierbauch Nr.5

Weil sich die europäischen Pauschaltouristen in Tunesien am Abend nicht mehr aus dem Hotel trauen, wird für sie, wie inzwischen in allen Bettenburgen der abendländisch bereisten Welt, ein grotesk-infantiles Unterhaltungsprogramm gestaltet. Neben den traditionellen Klassikern wie Bingo oder einem Tanzwettbewerb gibt es Spielchen frivolerer Natur, die besonders bei den Briten ein großes Echo hervorrufen. Während meine Reisebegleitung Myriam und ich es vorzogen, in der Hotelhalle Karten zu spielen, drangen immer wieder die eruptionsartig hervorgestoßenen Lachsalven der alkoholisierten Massen aus der Bar an unsere Ohren.

Eines Abends wurde auch ein Bierbauchwettbewerb ausgeschrieben, und ich hätte es eigentlich ahnen können, daß das nicht gut ausgehen würde, als Myriam vorschlug, das könnten wir uns für ein paar Minuten doch ruhig mal angucken.

Nachdem der tunesische Animateur mit krampfhaften Bemühungen Bierbäuche aus Schottland, England, Holland und Norwegen auf die Bühne brachte, fehlte ihm nur noch ein Deutscher für die perfide Aufführung. Eigentlich glaube ich nicht an die Schicksalhaftigkeit bestimmter Situationen, aber woher wußte dieser schmierige Entertainer, daß ich aus dem Bierland Nr. 1 komme? Gerade in den letzten, deutschlandfernen Tagen wähnte ich mich ziemlich englisch aussehend, und an Briten hatte er immerhin schon zwei stattliche Exemplare auf der Bühne stehen. Aber sein Blick blieb eisern an mir haften, und in diesem Augenblick verfluchte ich mich, daß ich nicht wenigstens einen dieser auf den deutschen Buchmarkt geschwemmten Ratgeber gelesen hatte, die >Kunst, nein sagen zu können< oder so was ähnliches.

Obwohl er mich nun vor 200 Anwesenden direkt ansprach: »How about you«, in Englisch allein wegen der Internationalität der Sprache, konnte ich nur unsicher lächeln. Ein kratziges, fast gehauchtes »Nein« entrang sich immerhin meiner trockenen Kehle. Und schon hatte ich mich verraten. »Oh, wow, a german; Klasse, ein Deutscher; magnifique, un Allemand; magnifco, un tedesco.« Noch nie hatte ich mein Deutschsein so verflucht wie in diesem Augenblick; was mir in gewisser Weise peinlich war, denn es gibt weiß Gott bessere Augenblicke, sein Deutschsein zu verfluchen.

Standhaft bleiben, hieß die Devise. Ich würde mich nicht entblöden, den fetten Affen für inkontinente, amüsiergeile Touristinnen zu mimen. »Es gibt reichlich Bier umsonst«, warf der Animateur ein und schon war das Starterfeld komplett. Myriam war entsetzt, mich auf der Bühne zu sehen. Aber was hätte ich tun sollen? Die Stimmung war eh schon recht angespannt, und in den nächsten Tagen wäre ich mit bösen Blicken überhäuft durch das Hotel geschlichen: Da schaut nur, da ist dieser Spielverderber, der uns den gestrigen Abend versaut hat. Oder: »Ach kiek an, dieser Deutsche da, der seinen Bierbauch verleugnet, welch jämmerliches Exemplar seiner Gattung!«

Vielleicht hätte ich noch einwerfen können, eigentlich sei ich Künstler. Ich hätte diesem Mob ein Gedicht vortragen können, den Panther von Rilke, oder den Knaben im Moor von Droste-Hülshoff, aber selbst Telefon, wer bist du schon? von Witte hätte diesen schreienden Haufen nicht zum Dichterauditorium mutieren lassen.

So begann also der Leidensweg der Selbstverleugnung. Tu nur einfach so, als seist du gar nicht hier, als wärst du gar nicht du, als wüßtest du nicht, was du tust.

Zur Einstimmung auf das folgende Martyrium wurden wir aufgefordert, die T-Shirts auszuziehen. Na klasse! Davon hatte ich schon immer geträumt, vor einem internationalen Publikum zu strippen. >Okay<, sagte ich mir, >wenn Horst Tappert mit Sonnenbrille aussieht wie Tom Cruise, dann ist der Unterschied zwischen mir und Brad Pitt auch nur noch ein marginaler.< Als der Moderator dann allerdings das Maßband um meine Hüften legte, mich bat, den Bauch herauszustrecken und in vier Sprachen die nicht unbeträchtliche Zentimeterzahl bekannt gab, war Brad Pitt in unerreichbare Entfernung gerückt. Trotz satter 106 Zentimeter landete ich auf Platz 4, nur der Engländer landete mit 99 noch hinter mir. Positiv betrachtet, war ich nun Brad Pitt wieder etwas ähnlicher geworden. Aber was half denn das alles?

Die zweite Übung bestand darin, einen Bauchtanz zu vollführen.>Na und<, dachte ich mir, nachdem ziemlich klar wurde, daß ich mich summasummarum als der einzige gerierte, der nicht so tierisch stolz war auf das Geschwabbel um seinen Bauchnabel herum, >das hakst du auch noch ab unter dem Motto fehlgeleitete Rampensau ist versehentlich auf die falsche Bühne geraten.< Also tat ich, wie mir geheißen, und lieferte einen, ich möchte sagen, akzeptablen Bauchtanz ab. Bedeutend schwieriger wurde dann die nächste Herausforderung für die Bierbauchkonkurrenten in Form einer kurzen Pantomime:

>Eine schwangerer Frau steigt die Treppen ihrer Klinik hinauf und gebärt unter voluminösem Aufstöhnen.< Ich weiß ja nicht, ob Sie jemals einen besoffenen, achtzehnjährigen Norweger gesehen haben, der eine Frau während der Entbindung darstellt. Ich hoffe auch, daß Sie dieses niemals erleben werden. Es war von unvorstellbarer Idiotie. Dann war aber auch ich an der Reihe. Ich hatte schon im Vorhinein das unbestimmte Bedürfnis, mich dafür bei allen schwangeren Frauen dieser Welt entschuldigen zu müssen, aber das wäre in dieser Runde völlig ohne Belang gewesen. Schlußendlich bin ich dann sogar um das Bier betrogen worden: Das eine mußte man auf Ex trinken, um sich dann im Kreis zu drehen, ein zweites galt es, auf dem Boden knieend aus einem Suppenteller herauszulöffeln.

Nach einer halben Stunde war das Spiel für Gehirnamputierte endlich beendet. Zwei Damen aus dem Publikum bestritten die Jury. Ich wurde Letzter. Was für ein Titel: Mr. Bierbauch Nr. 5!

Als hätte das alles noch nicht ausgereicht, wurden am nächsten Tag die Fotos vom Hausfotografen ausgestellt. Im Wissen um diese Tatsache schwänzte ich das erste Mal das Frühstück. Myriam brachte es tatsächlich fertig, mir ein Bild zu kaufen. Ein Freund hat es neulich gesehen und mich gefragt: »Was um alles in der Welt ist das denn?« »Das sieht man doch«, hab ich gesagt, »das ist Brad Pitt, der bei einer Schauspielübung für seinen neuen Film vier Schwarzkopfpavianen kultiviertes Essen beibringt.« Ich schätze mal, er hat mir nicht geglaubt.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 21
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