Hans Duschke: Der Achsel-Effekt
Da wohnt zum Beispiel in meiner Straße so ein schüchterner junger Mann, so einer, der Stefan heißt zum Beispiel. Runde Brille und ein Flanellhemd. Im Hinterhaus, 1. Stock, ein Zimmer, Küche, Bad.
So einer, der wütend wird, wenn er zu viel trinkt. Auf alles. Auf sich, auf sein Leben. Wütend, daß nichts passiert. Wenn er zu viel getrunken hat.
Eines Tages sitzt er in seinem Zimmer an seinem Schreibtisch. Bild der Wissenschaft, eine Zeitschrift, die Stefan seit Jahren abonniert hat, zeigt ihm die Wunder der Welt. Da gibt es herausklappbare Farbfotos vom Mars, ganz schön schwierige mathematische Beweise und plötzlich - huch - eine nackte Frau.
Unter dem Mikroskop könnten wir erkennen, daß Stefans Pupillen sich weiten - bald aber beginnt er, den dazugehörigen Artikel zu lesen: So einer ist er.
In dem Artikel gehts um Pheromone, Sexuallockstoffe, und ihren Einfluß auf das menschliche Verhalten. Das ist ja interessant, denkt Stefan. Da steht, daß Sexuallockstoffe neuerdings in Deo-Spays mit drin wären.
Der Achsel-Effekt!
Stefan steckt die Nase unter sein T-Shirt und schnuppert. Aus seiner 30-jährigen Lebenserfahrung weiß er, daß die Anzahl seiner eigenen Sexuallockstoffe unbefriedigend gering ist.
Warum sollte er es nicht einmal versuchen? Da trifft ein Sonnenstrahl die Brust der Frau in dem Magazin, und Stefan steht entschlossen auf.
Dann betritt er den Drogeriefachmarkt. >In so einem Geschäft war ich noch nie<, schießt es ihm durch den Kopf. Sogleich stürzt sich das aufmerksame Fachverkaufspersonal auf ihn: »Sie wünschen?« Stefan ist es sehr peinlich. Soll er der Verkäuferin gestehen, daß er Sexuallockstoffe auf seinen blassen Körper auftragen will, um hinterher in öffentlichen Lokalitäten zweifelhafte Bekanntschaften zu machen? Er wird rot. Er haßt sich, weil er rot wird. Schließlich sagt er aber doch: »Einmal Achsel, bitte.«
Zuhause packt er die Dose aus. Er hat sich für die Duftvariante >Africa< entschieden, ich kann nicht sagen warum.
Sorgfältig liest er die Packungsaufschrift: >Benutzung ausschließlich gemäß Verwendungszweck.< Ein verwirrender Satz. >Inhaltsstoffe: Propan, Butan, Isobutan, denat. Alkohol...< Das klingt nach einem männlichen Duft. Er nimmt die Klappe ab und sprüht: Es riecht nach Klostein!
Daß darauf die Frauen soo abfahren, wundert ihn. Ach was. Los!, bevor der Duft verflogen ist.
An der nächsten Straßenecke ist ein Café, mit Tischen und Stühlen auf der Straße, gut besucht. Stefan sieht von weitem, daß dort Frauen sitzen. Noch können sie ihn nicht riechen. Er bleibt stehen und knüpft eine neue Schleife in das Schnürband seines linken Schuhs. Die Frauen; es sind gleich mehrere. Was tun?
>Wenn sie sich alle auf mich stürzen<, denkt Stefan, >bin ich verloren.<
Schließlich aber setzt er sich doch zu einer jungen Dame, die ihm vom Äußeren her ganz gut gefällt. Er streicht mit den Fingerspitzen seinen Halsansatz entlang, die Füße bilden einen rechten Winkel, die Lippen leicht geöffnet, Zungenspiele erwartend.
Nichts geschieht.
Als er sieht, daß sie gehen will, beginnt er verzweifelt ein Gespräch: »Sag mal, hast du Heuschnupfen, bist du erkältet oder eine Lesbe?«
