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Sarah Schmidt: Die perfekte Lösung

Ich lebe mit einer Freundin zusammen, und was sonst ganz selten passiert, ist grade im Gange. Ein Streit:

»Du!«

»Nein, Du!« »Du!«

»Nee, ich hab schon.« »Du!«

»Na und, ich auch.« »Du!«

»Ich bin aber die Ältere.« - »Pöh.« »Du!«

»So kommen wir nie dazu.« »Du!«

»Stimmt, komm wir gehen was trinken und überlegen uns ne Lösung« »Okay.«

Als wir in der Kneipe sitzen, rekapitulieren wir unsere scheinbar ausweglose Situation.

»Also, daß das klar ist, wir wollen beide noch ´n Kind.« »Du!«

»Genau. Aber nicht für immer. Ich wär schließlich fast sechzig, bis das wieder aus dem Haus ist. Sechzig!« »Du!«

»Mann, und ich? Ich bin jetzt zum ersten Mal in meinem Leben halbwegs unabhängig von meinem Kind. Das geb ich nicht einfach so auf.« »Du!«

»Okay, dann teilen uns das eben.« »Du!«

»Ich will die Schwangerschaft.« »Du!«

»Nee, ich.« »Du!«

»Das wär so toll. Ein echtes, neues Baby, stell dir das mal vor.« »Du!«

»Ja, die sind soo süß.« »Du!«

»Und riechen so gut.« »Du!«

»Kannst du dich noch ans Stillen erinnern?« »Du!«

»Jaaa, schöön!« »Du!«

»Und im Arm halten. Ich würd so gern wieder ein Baby im Arm halten.« »Du!«

»Und anziehen.« »Du!«

»Ja, genau, und wenn die Laufen und Sprechen lernen, das will ich auch nochmal haben.« »Du!«

»Aber wenn es in die Schule geht, muß es wieder weg. Und nie wieder so ein pubertierendes Luder am Hals.« »Du!«

»Niemals. Dann geben wir es ins Heim.« »Du!«

»Nee, Quatsch, das schaffen wir nicht. Wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat, können wir das nie ins Heim geben.« »Du!«

»Na, dann kriegt es der Vater!« »Du!«

»Nee, das Kind soll ja nicht leiden.« »Du!«

»Stimmt.«

Es ist wirklich ausweglos. Unsere Kinder sind 12 und 17, beide nett, aber in einer schwachen Stunde haben wir festgestellt, daß wir Sehnsucht nach mehr haben. Ein echtes Frauenthema. Wenn man Männern gesteht, daß man überhaupt an Babys denkt, bekommen sie angstgeweitete Augen, halten uns für verrückt und achten in der nächsten Zeit höllisch auf die Verhütung.

»Sarah, das meinst du doch nicht im Ernst. Ein Kind. Du hast doch schon eins.« »Du!«

»Na und, so mein ich das ja auch nicht.« »Du!«

»Was sollen wir denn damit. Und denk doch mal daran, wie schlecht es dir damals damit ging. Und die Verantwortung! Nee, nee, da mach ich nicht mit.«

Die verstehen das einfach nicht. Es ist ja keineswegs so, daß ich nicht wüßte, daß kleine Kinder auch nerven und so. Aber Männer kapieren die Sehnsucht nach diesen kleinen Dingern nicht wirklich. Außerdem wollen wir auch nicht unbedingt einen Vater zu unserem Kind. Gibt nur Ärger, und den hat man dann auch zwanzig Jahre am Hals. So oder so. Das will keine von uns. Wir wollen nur etwa die ersten fünf Jahre mit einem Kind noch mal. Nicht so einfach zu verwirklichen. Wir schweigen und träumen weiter, wie toll das wäre.

»Sach ma, Bine, deine Tochter ist doch siebzehn.« »Du!«

»Ja. Und?« »Du!«

»Überleg doch mal!« »Du!«

»Hä?« »Du!«

»Gebärfähiges Alter.« »Du!«

»Aaah!« »Du!«

»Ja, das wär´s doch. Wir vertauschen ihre Pille mit Traubenzucker oder sowas. Dann wird sie schwanger und unglücklich und wird uns ihr Leid klagen.« »Du!«

»Und dann?« »Du!«

»Mensch, wir sind natürlich total verständnisvoll, sagen ihr, sie soll es kriegen und es wird schon alles nicht so schlimm.« »Du!«

»Aber sie will doch ´n Jahr ins Ausland?« »Du!«

»Ja, genau, ist doch super. Sie kriegt das Kind, geht ins Ausland und wir passen drauf auf. Dann macht sie erstmal ihre Ausbildung fertig und muß bißchen Geld verdienen und wenn ihr Kind dann etwa fünf ist, kann sie es wieder abholen und den Rest machen. Wir haben dann, was wir wollten, ohne für unser ganzes Leben verpflichtet zu sein. Nur die Schwangerschaft, auf die müßten wir verzichten.« »Du!«

»Na und, ist nicht so schlimm. Denk doch mal nach: Krampfadern, Blähungen, du mußt laufend pinkeln, kein Alk und Zigaretten und ab dem sechsten Monat kannst du deine Schuhe nicht mehr selber zumachen. So schön ist das auch nicht.« »Du!«

»Stimmt. Alles klar, du vertauscht die Pille und ich...« »Du!«

»Still, sie kommt.«

Copyright: Sarah Schmidt

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 21
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Häppchen
Horst Evers: Bundesrepublik Evers Jürgen Witte: Im Westen führen alle Wege auf die Couch Susan Dreyer: Ich zeige Kontakt an Hans Duschke: Die Nacht in der Obdachlosen- notunterkunft Bov Bjerg: Umzüge Sarah Schmitt: 30 Jahre lang belogen Hinark Husen: Frau Comunis singt Manfred Maurenbrecher: Musisch Ahne: Nachruf auf Jürgen Kuczynski Bov Bjerg: Das Grauen Benedikt Eichhorn: Endlich prominent, endlich Talkshowgast Jürgen Witte: Die Salbader. - Worterklärung Horst Evers: Zukunftsfragment 9 Gabi Schlaug: Tschüß, Heinz Andreas Scheffler: Wer das Wetter macht, ist scheiße Funny van Dannen: Der gute Riecher Mark-Stefan Tietze: Orangenhaut Hinark Husen: Ich war Mr. Bierbauch Nr.5 Hans Duschke: Der Achsel-Effekt Sarah Schmidt: Die perfekte Lösung Sascha Agocs: Der Deal Jürgen Witte: Deckname Lyrik -Ein Gespräche Bov Bjerg: Ein Scheiß-Abend Horst Evers: Monika Rolf M. Thum: Ein Sachverhalt Andreas Scheffler: Aufstehn - das Protokoll Andreas Scheffler: Wer bin ich Jürgen Witte: Der Kabinenroller der Kanäle Hans Duscke: Oma
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XXIII
Kavara Bistroj: Der Ausländer
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