Jürgen Witte: Deckname Lyrik - Ein Gespräch
Die Wadenwickel meiner Illusion
suchen Labung fernab,
traumverloren, zerstritten.
Die Behausung meiner Einfalt.
Ein Mutterschoß, fruchtbar noch,
wo ein Tamponfaden mäandert.
Und ich?
Zweckrationell, brünftig,
in Spinnfäden verheddert;
aufgelassener Amor...
Jürgen? Was machst du da?
Lyrik, Wortgekleister.
Eine Ahnung von Geköse
salbungsvoll verklärt
zum Ewiggleichen.
Halt, da habe ich jetzt Sinn entdecken
können. Ist das vielleicht doch mehr
so lustig gemeint?
Aber Hallo!
Verhallend, sinnfliehend
wie Gedärm, sich windend,
voll Scheiße, auch du
Das verbitt ich mir!!!
Existenz zerronnen
zu hektischer Nichtigkeit.
Der Orkus als Fitneßstudio,
Labsal im Schwitzkasten,
Äsung bei Mc Donalds.
Aufgedunsen, geläutert
und abgeschmackt
Jetzt mal langsam. Ich glaube, ich versteh´
endlich das Prinzip. Orkus-Fitneßstudio,
Illusion-Wadenwickel, Mutterschoß-
Tamponfaden, du kombinierst einfach das
Sinnschwere mit dem Alltäglichen und Banalen.
Gefangen, gequetscht,
Kombizange der Traumlosigkeit...
Genau so!
Mit Mäuseherzen und Hühnerhoden.
Das jetzt ist aber totaler Unsinn!
Urteile, gefällt und vollstreckt
noch bevor der Morgen tagt.
Letztes Sperma,
hingegeben an´s Nichts...
Jürgen, das ist ziemlich doof. Ist jetzt endlich Schluß?
Überworfen und ausgelacht,
zerstäubt in Finsternis,
aufgelöst und doch allgegenwärtig!
Nicht noch die Auferstehung! Mach ein Ende!
Kann Ende sein,
wo niemals Anfang war?
Wütende Worte zu wursteln,
ein Wagnis?
Fliegenschiß...
...auf trostlosem Kantinen-Resopal
in Fabrik-Ruinen, der Verwitterung trotzend.
Abgewickelt, Schicksalsergeben
Kotzbrocken
...verklebt auf geborstene Fliesen
verwaister Pissrinnen,
wo einsmals Arbeiterurin
schier endlos rann.
Dem VEB eine Dornenkrone geflochten!
Blutig geschlagenes Anlagevermögen...
Wunderbar! -
Dem VEB eine Dornenkrone geflochten!
Blutig geschlagenes Anlagevermögen.
Und Uschi weint!
Uschi
Ja, ich habe lange nachgedacht. >Maria< wäre zu sinnfällig, nach
der Dornenkrone die Kreuzigungsszene evozierend. Ich wollte das dann
schon etwas gebrochener haben, es wurde ohnehin längst zu verständlich.
Ich wollte auch irgendwie noch auf abgewickelte Ost-Identität
anspielen.
Ah, deshalb Uschi!
Uschi weint!
Und? Wie Weiter?
Nichts weiter. Einfach so. >Uschi weint!< ist ein schönes Ende.
Das ganze Leiden, der ganze Schmerz, und eben Uschi.
Und wozu das ganze?
Das ist eine längere Geschichte: Also, vor einigen Wochen habe ich im
Berliner Offenen Kanal eine Dichterlesung gesehen. Weiß Gott wie der
hieß, sah nach Prenzlauer Berg aus. Eine Einblendung gab´s nicht. Eine
ganze Stunde lang nur Schmerz und Verwesung und andächtig lauschendes,
an Wänden lehnendes Vernissagen-Publikum. Es war schlimm, und dann
mußte ich mir das einfach von der Seele schreiben.
Ah so!
Ja, stell dir vor, ich fing auch schon an, so an der Welt zu
leiden.
Und? Ist´s jetzt besser? Geht´s wieder?
Ja, ich glaube, ich kann es jetzt doch... äh... verarbeiten.
