Rolf Thum: Ein Sachverhalt
Eurocity, 1. Klasse, Großraumwagen, Fahrt von Stuttgart nach Mannheim. Ein Herr, graue Schläfen, das Gesicht leicht von der Midlifecrisis gezeichnet, lehnt betont lässig in seinem Sitz. Vor ihm, auf dem Tischchen, etliche Papiere, ein Diktiergerät.
Der Zug verläßt Stuttgart.
Er sinniert. Starrt zur Decke. Greift das Mikrophon des Diktiergeräts, lehnt sich etwas vor und beginnt: »Schreiben an Anwaltskanzlei Krüger und Mahn, Darmstadt... in Sachen Eberswälder gegen Neuendorfer... Datum und übliche Anrede... äh... Datum von gestern... nein, heute...«
Sichtlich erschöpft stoppt er das Diktiergerät und fällt in seinem Sitz zurück. Sinniert weiter. Starrt.
Der Zug fährt durch Stuttgart-Feuerbach.
Der Herr lehnt sich wieder vor und knipst das Gerät erneut an: »Nach eingehender Unterredung mit meinem Mandanten möchte ich hiermit...« Er stoppt - sein Gesicht verhärtet sich. Zweifellos, er denkt. Dann weiter: »...unter Bezugnahme auf § 43a Komma Absatz zwo... « Stoppt wieder. Denkt. Denkt angestrengt weiter.
Der Zug braust durch die Wälder bei Pforzheim.
Dann wieder er: »Komma...«
Und erneut eine lange Denkpause.
Endlich die erlösenden Worte: »wie folgt erwidern...« Er hantiert an seinem Gerät herum, spult zurück, hört das bereits Diktierte, löscht die letzten drei Wörter und fährt fort: »...den Sachverhalt wie folgt darstellen, Doppelpunkt«
Und wieder Schweigen.
Der Zug nähert sich der Rheinebene.
Der Mann am Diktiergerät spult zurück, hört den Satz, löscht und beginnt abermals: »...unter Bezugnahme auf § 43 a BGB Komma Absatz zwo Komma stellt sich der Sachverhalt wie folgt Doppelpunkt.«
Schaltet das Gerät aus, lehnt sich zurück. Starrt zum Fenster hinaus. Denkt?
Der Zug fährt durch Hockenheim.
Das Diktiergerät ruht.
Da plötzlich! Der Herr schnellt nach vorn, knipst sein Gerät wieder an und spricht: »Die Zustellung...« Mehr nicht. Zurückspulen des Bandes, Anhören des bisherigen Diktats, Löschen des letzten Abschnitts, und endlich: »...Komma, stellt sich der Sachverhalt wie folgt, Doppelpunkt, erstens: Ein Versäumnis meines Mandanten...«
Lautsprecherdurchsage: »Meine sehr verehrten Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Mannheim. Mannheim Hauptbahnhof. Sie haben dort Anschluß an die Züge...«
Der Mann am Diktiergerät blickt nervös nach oben. Verzieht ein wenig das Gesicht. Spult das Band zurück.
In Mannheim muß ich aussteigen. Beim Hinausgehen schaue ich noch einmal zurück. Er klammert sich fest mit der linken Hand an sein Gerät. Seine rechte fährt durch die Blätter auf dem Tisch.
Wie sich der Sachverhalt aus der Sicht seines Mandanten unter Berufung auf § 43 BGB Komma Absatz zwo darstellt, erfahre ich nie.
