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Andreas Scheffler: Aufstehn - das Protokoll

Oh, schon halb zehn. Na ja, warum auch nicht? Ich könnte, wenn ich wollte, sogar bis zwölf liegenbleiben, in meinem Haus. Na ja, in Sandras Wohnung, wenn man´s genau nimmt. Aber das ist kein Aufsteh-Thema.

Bei dem Wetter draußen hat man schon gleich keine Lust mehr. Ein Wetter wie Thomas Mann: trübe, schwül und komisch. Das muß ich gleich notieren. Ein Tag ohne Zeile ist ein Tag voll Langeweile. Auch nicht schlecht, - für halb zehn in der Frühe.

Wann ist Sandra aufgestanden? - Halb sieben, glaub ich. Das könnt ich nicht. Grad bei diesem Wetter. Man muß nur mal nach draußen gucken.

Wenn ich nach draußen gucke, hab ich schon keine Lust mehr. Und wenn ich dann noch zufällig am Spiegel vorbeigehe... Mit Ende zwanzig, sagt Jürgen, beginnt das Bier, einen Bauch zu bilden. Da hab ich ja eben noch mal Glück gehabt.

Aber gestern war die Falte kleiner, glaub ich. Und das ist ja erst der Anfang. Manche würden jetzt joggen, oder Gymnastik machen, wie Sandra. Sandra hat keinen Bauch, aber ob das von der Gymnastik kommt? Was solls; Männer brauchen nicht schön zu sein, sagt auch Sandra. Ich nicht. Seien wir doch mal ehrlich: Ich seh eigentlich ziemlich klasse aus. Da fällt der Bauch gar nicht ins Gewicht.

Was war heute? Um eins zum Redakteur. Vorher den Text redigieren. Ob ich mich rasiere? Wenn ich heute noch einen Kuß bekommen will, dann sollte ich wohl. Wo ist denn mein Hemd? Ach da; natürlich voller Falten. Was haben mein Bauch und mein Hemd gemeinsam? Ha ha. Das Hemd paßt sich dem Körper an. Ha ha. - Sandra bügelt gern. Wie kann man nur gern bügeln?! Aber wenn schon, dann kann sie auch meine Hemden mitbügeln. Sowas Blödes. Dann eben so.

Ich wette, es ist auch kein Kaffee da. Was zieh ich bloß an? Ich habe nichts anzuziehen. Ich wette, die gute, schwarze Hose schimmelt in der Waschmaschine. Oh, Kaffee ist da, sogar fertig. Donnerwetter! Ach die Kleene, ist ja doch ein Schatz. Wenn jetzt noch das Hemd gebügelt wäre. Muß ich jetzt die Kaffeekanne abwaschen? Als ich noch alleine gewohnt habe, habe ich höchstens einmal im Monat die Kaffeekanne abgewaschen. Es kommt schließlich immer wieder nur Kaffee rein. Warum dann abwaschen? Wenn auch mal Tee reinkäme oder Kakao..., aber wenn´s immer wieder nur Kaffee ist, dann muß man nicht. Eigentlich.

Mülltonnen wäscht auch niemand, weil immer wieder Müll reinkommt. Wäscht einer eine Mülltonne, kommt schwupp ein anderer und wirft wieder Müll rein. Sofort ist die Tonne wieder dreckig. Meine Oma hat einmal die Woche die Mülltonne gewaschen, mit Ata. Aber Oma war damals schon senil. Sandra wäscht immer die Kaffeekanne ab und erwartet das auch von mir, gerade, wenn sie für mich Kaffee gekocht hat in aller Hektik am frühen Morgen, wenn ich noch schlafe und sie arbeiten muß. Deshalb muß ich auch gleich noch den ganzen Abwasch von gestern machen. Sonst bin ich nämlich der Arsch. »Nichts gemacht, ewig geschlafen, und ich schaff die Kohle ran.«

Also wasch ich ab. Ich wasche ab und trockne ab und gehe, schwap, ins Dab. Ins Bad. »Morgenstund hat Gold im Mund.« - So ein Quatsch. Sandra wäscht die Kaffeekanne ab. Ob Sandra senil ist? - Quatsch! Aber vielleicht gibt es partielle Senilität.

Was kommt jetzt? Das gleiche wie gestern: Kaffee und Kippe, Müsli und Schrippe. Und dann ran an den Computer. Den Ordner mit den Spielen ignorieren. Unbedingt den Ordner mit den Spielen ignorieren. Dann zum dummen Redakteur. U-Bahn-Fahren - igitt! Auf Sandra Warten, die Wohnung in Ordnung Halten, Sandra kommt, Sich-Freuen, Ausgehn oder Fernsehn, Schlafen, Zusammen - vielleicht? - Viele haben´s leichter.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 21
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