Hans Duschke: Oma
Am Samstagmorgen ab 7 Uhr 30 scheppert Deutschlandradio aus dem Radiowecker in mein Ohr. Nach kaum zwanzig Minuten ist die staatstragend gute Laune in den Hirnkasten eingedrungen. Jetzt aber schnell: Die Kleiderstange nach einem dezent-soliden Outfit abgesucht, ein Kaffee, eine Zigarette und ab zur U-Bahn. Ein Sommertag.
Im Hotel Präsident an der Urania, einem 80er Jahre Betonklotz, solide und gediegen wie eine Pappmaché-Filmkulisse, bin ich zum Frühstück verabredet. Es herrscht Betrieb, großer Andrang, Urlaubszeit; die Hotelleitung hat es sich nicht nehmen lassen, in einem Nebenraum der Tiefgarage ein zweites Frühstücksbuffet aufzubauen. Berliner Buffet: Alles ganz frisch aus der Plastikfolie. Übergewichtige Touristinnen, den Pullover schon um die Hüften geknotet, versuchen die Hotelleitung mit einer Freßorgie zu ruinieren. Um zehn wartet der Bus wegen der Stadtrundfahrt, danach Ku-Damm-Bummel, dann Mittagessen, Museumsbesuch, Friedrichstadtpalast; Sonntagmittag in die Kalkscheune.
Auch ich werde aufgefordert, ordentlich zuzulangen. Rührei, gebratener Schinken, starker Kaffee und Vollfettfruchtquark reißen meinen Magen aus dem Tiefschlaf. Der rebelliert - man kann´s ja verstehen - und fordert eine halbstündige Zigaretten-Verdauungs-Pause. Auf dem Klo. Tut mir leid, das geht nicht: Meine Oma ist zu Besuch.
Zweimal im Jahr kommt sie nach Berlin. Sie ist 84, reiselustig und ihr Schwiegersohn besitzt ein Omnibusreiseunternehmen. Augen und Ohren werden schwächer, nach jeder Treppe muß sie kurz verschnaufen, aber obwohl sie nie in einer Großstadt gelebt hat, bewegt sie sich sicherer und souveräner durch den Dschungel als gleichaltrige Berlinerinnen. Voller Stolz bemerkt sie, daß sie noch nie über ihre Gesundheit geklagt habe und auch nicht vorhabe, dies jemals zu tun, wie andere alte Leute: Furchtbar. Am Revers ihrer Strickjacke ist eine Ehrennadel angebracht: 40 Jahre CDU. Sie ist der einzige Kontakt, den ich zu meiner Familie habe.
Um 10 Uhr 37 steigen wir in den 100er und fahren nach Ost-Berlin. Hier ist es nicht mehr so schmuddelig wie noch vor wenigen Jahren, jede Baustelle ist Grund zu Optimismus, und daß weniger Ausländer auf der Straße sind als in West-Berlin, bemerkt sie sofort. Ich spreche über meine Arbeit, daß ich ein Gedicht geschrieben habe über die aktuelle Berliner Befindlichkeit und trage es ihr vor. Es heißt:
Ein Ruck geht durch die Stadt.
Berlin pulsiert, Berlin vibriert, daß man fast den Boden unter den Füßen verliert. Aufwärts, vorwärts, es geht voran. Der Zukunft entgegen bis keiner mehr kann. Bald ist auch der Kanzler da. Hurra!
Ihre Reaktion ist freundlich. Aber mich gänzlich der Lyrik zu verschreiben, davon rät sie mir ab. Ich vertraue ihrer Lebenserfahrung.
Langsamen Schrittes biegen wir in die Ackerstraße. Zwei Tage hab ich geputzt, den Standard der Junggesellenbude hoffe ich zu erreichen. Drei Treppen hoch, ich öffne die Tür. Erst mal verschnaufen, einen Blick in die Runde werfen: Wie lebt der Junge denn? Daß in der Küche Schnittlauch und Basilikum aus kleinen Töpfen wächst, freut sie. Wir trinken noch einen Kaffee. Sie ist koffeinsüchtig.
Dann gehen wir durch die Wohnung und schauen, was fehlt oder falsch ist. Dann gehen wir einkaufen. Bei ihrem letzten Besuch bekam ich eine Batterie Haushalts-Chemikalien in den Küchenschrank gestellt, diesmal wendet sich die Aufmerksamkeit dem Badezimmer zu.
Nun liegt ein dreiteiliges Teppichset in meiner Naßzelle. Vor dem Waschbecken, vor dem Klo und auf dem Klodeckel. - Und daß ich nicht mehr mit nackten Füßen auf kalten Kacheln stehen muß: Schön. Nenn es spießig, wenn du willst, dieser Vorwurf trifft mich schon lange nicht mehr.