Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXIII
Viktor Orloff, ehemaliger Mitarbeiter der Staatsicherheit, arbeitet mittlerweile als Privatdetektiv. Seine Mission: >Finde die Pflanze, die Aids besiegt<. Von Rubber International gejagt, von einem mysteriösen >Mr. Jones< begleitet, sucht er im Auftrag ungenannt bleiben wollender Herren nach Prof. Donald Petty, dem verrückten Erpresser und möglichen Erfinder des HIV-Virus. Die Spur führt nach Indonesien.
Folge XXIII: Die Insel des Doktor Petty
von Eduardo Casaniente ins Deutsche übertragen von Hinark Husen
Fakten sind manchmal unerbittlich. >Willkommen auf Biak< stand auf dem Kärtchen, das an der Bommerlunderflasche baumelte, >nur noch 300 Meilen und 5000 Höhenmeter bis Tanamehra<.
Wo hatte der Kerl in dieser gottverlassenen Gegend nur mein Lieblingsgesöff auftreiben können. Überhaupt war das Hotelzimmer luxuriös ausgestattet. Auf dem Marmortischchen neben dem Bett lag eine Stange Karo. Im Bad fand sich ein Spender mit >Dirty Vic< Kondomen von Rubber International. Diese Schweine hatten wirklich die Dreistigkeit, einen Gummi nach mir zu benennen. Wollte Mr. Jones mich verarschen? Was sollte diese Provokation? Niemand macht sich ungestraft über meine Gummiallergie lächerlich!
Ich klingelte nach dem Room-Service, öffnete die Flasche und machte mir Gedanken über meine neuen Auftraggeber. Ich war schon seit Jahren nicht mehr so hofiert worden. Die ganze Geschichte stank doch irgendwie zum Himmel. Noch ein Schluck Bommi, dann warf ich mich aufs Bett und dachte an Indiana Jane. Seit Chicago hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht hatten die Kerle von >Bionetics< auch sie geködert. Wo blieb nur das verdammte Zimmermädchen, um mich ein bißchen auf andere Gedanken zu bringen.
Gerade wollte ich wieder zum Hörer greifen, als sich die Tür öffnete und Mr. Jones halbnackt ins Zimmer schlenderte. Er sah mehr als affig aus, bekleidet nur mit einem als bunt allenfalls unzulänglich beschriebenen, indonesischen Hosenrock und einem Pistolenhalfter um die nackte Brust, in dem zweifelsohne eine 38er steckte.
»Echtes balinesisches Kroko-Leder, für dich nur vom Feinsten, mein Lieber!« Mit geübtem Griff schnallte er das Halfter ab und warf es mir zwischen die Beine aufs Bett. »Wie ich sehe, hast du´s Dir schon gemütlich gemacht.«
Er griff nach der Bommi-Flasche und nahm einen heftigen Hieb ohne mit der Wimper zu zucken. Dann steckte er sich zu allem Überfluß auch noch eine von meinen Karos an.
»Leider müssen wir umdisponieren, teuerster Vic.«
Das war eindeutig zuviel, ich sprang vom Bett, packte den schmierigen Typen an der Gurgel und drückte ihn an die Wand.
»Schluß mit diesem Affentheater. Niemand vergreift sich ungestraft an meinem Bommerlunder. Wer oder was steckt hinter >Bionetics<, was habt ihr mit Jane gemacht? Gibs zu, du Knallcharge, du bist doch auch nur so ein verficktes CIA-Schwein!«
Auf seinem Gesicht zeichnete sich nicht die winzigste Schweißperle ab, für jemanden, der im Begriff stand, von mir erwürgt zu werden, machte er einen geradezu fröhlichen Eindruck.
»Immer mit der Ruhe, Orloff. Ich denke, es läßt sich besser plaudern, wenn wir nicht so aneinanderkleben.«
Ich ließ ihn los, sprang mit einem schnellen Satz aufs Bett und zog die 38er aus dem Halfter.
»So, vielleicht löst das hier deine Zunge.«
Er schob immer noch die Coolen-Nummer, ging wieder auf den Tisch zu und gönnte sich erneut einen Schluck aus meiner Flasche.
»Du hast einen guten Geschmack, mein Lieber! Und wie ich erfreut feststelle, kommt so langsam dein altes Feuer wieder hoch. In letzter Zeit ist ja wohl nicht immer alles gerade gelaufen bei dir, was? Aber Jane hält große Stücke auf dich und ihre Freunde sind auch meine. Entschuldige den Scherz mit den Präsern. Ich gebe zu, ein abgeschmackter Witz, aber immerhin hat er gezündet.« Seine Mundwinkel umspielte ein Lächeln, das mir irgendwie höllisch bekannt vorkam.
»Wer bist du?« konnte ich nur hervorbringen, denn sein Anblick, seine Gestik und Mimik, all das rief tausende Bilder in mir wach. Verdammt noch eins, der Kerl hatte es wirklich geschafft mich völlig durcheinander zu bringen.
»Leider fehlt uns im Augenblick die Zeit für große Erklärungen. Du mußt mir vertrauen. In einer halben Stunde läuft unser Schiff nach Obi aus, eine kleinere Molukkeninsel nördlich von Timor. Nach meinen Informationen hat sich Petty dorthin abgesetzt, nachdem es ihm in Tanahmera zu heiß wurde. Durch die außer Kontolle geratenen Brandrodungen hier ist sein Labor zerstört worden.
Eine Schiffsreise war überhaupt nicht nach meinem Geschmack, aber dieser Jones zog mich langsam aber heftig in seinem Bann. Es klärt sich alles in Obi, hatte er gesagt - >alles in Obi<, das hatten vor ihm auch schon andere behauptet. Ich mußte höllisch aufpassen, irgendwas passierte mit mir.
Im Verlauf unseres Trips durch die Seramsee wurden mir Männer mit Sarongs langsam zum gewohnten Anblick. Fregattvögel kreisten beständig über unserer Barkasse und von den Küsten hörte man unheimliche, nächtlichen Schreie.
»Koboldmakis, eine der vielen Primatenarten auf den indonesischen Inseln«, klärte mich Quintus auf, seines Zeichen unser molukkischer Kapitän. Ein kleiner, dunkler Typ um die 40, mit schelmenhaften Augen und trotz seiner wettergegerbten Gesichtshaut einem jungenhaften Lächeln. Er selbst hatte sich diesen Namen gegeben. Indonesische Eltern haben die Angewohnheit, ihre Kinder nur mit einer Zahl zu benennen, er war der fünfte, aber seine Touri-Passagiere aus Westeuropa ging das vertrackte indonesische Wort dafür nie über die Zunge. Jones hatte ihm eine Unsumme zahlen müssen, damit er uns überhaupt mitnahm. Über der von uns anvisierten Insel läge ein Fluch und die meisten Fischer hier würden einen weiten Bogen um sie machen, obwohl es mit Abstand die ergiebigsten Fischgründe der Region seien. Immer wieder seien Schiffe auf unerklärliche Weise verschwunden und von der Insel erschallten Schreie, die mit Sicherheit nicht von Makis oder Loris stammen konnten. Ein Gebrüll, das eher an die Todesschreie von Orang-Utans erinnert. Orang-Utans aber, waren hunderte von Seemeilen entfernt, auf Sumatra und Borneo zuhause.
Kurz vor der Abenddämmerung erreichten wir die Küste von Obi, die sich hinter einer dicken, feuchtnebligen Wand verbarg. Außer Jones und mir setzte Quintus noch ein molukkisches Geschwisterpärchen ab, das uns für einen Hundertjahresvorrat an Zuckerrohrschnaps zu Professor Pettys Domizil führen sollte.
Jones hielt es für das beste, zunächst am Strand unsere Zelte aufzubauen, bevor wir am nächsten Morgen die Expedition starten würden. Während im Nachbarzelt Sixtus und Septimus friedlich ihren letzten Rausch ausschliefen, erzählte mir Jones eine Geschichte, die ich in meinen aberwitzigsten Träumen nicht hätte erspinnen können. In Kenia aufgewachsen, hatte er in Nairobi und später in Oxford Biochemie studiert. Dort habe er sich mit Pettys Theorien zur Retrovirologie beschäftigt und sei einige Jahre später nach Amerika gegangen, um selbst auf diesem Gebiet zu arbeiten.
»Natürlich hat die CIA an meine Tür geklopft, Victor, und, ich gebe zu, ich habe eingewilligt! Für mich war es die einzige Möglichkeit, endlich zu erfahren, was aus Jane geworden ist. Ich habe meine Schwester seit unserer gemeinsamen Zeit in Kenia nicht gesehen.«
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Deshalb also meine Verwirrtheit! Warum war mir das nicht eher aufgefallen, er sah Jane wirklich verblüffend ähnlich.
»Ich hoffe, du verzeihst mir meine Schwindeleien, komm Vic, erzähl mir von Jane.«
Seine Hand lag auf meiner Schulter, und ich begann zu schwärmen von der Frau meines Lebens. Scheiße auch, Jones hatte mich an meinem schwächsten Punkt erwischt und - ich kannte mich kaum selbst wieder - ich fühlte mich plötzlich unwiderstehlich zu diesem Kerl hingezogen. Seine Hand glitt meine Schulter herab, dann zerissen ohrenbetäubende Schreie die Stille. Plötzlich rüttelte etwas an unserem Zelt. Meine Hand wechselte im Bruchteil einer Millisekunde von Jones´ Schwanz zu meiner 38er. Mit dieser Insel war etwas verdammt nicht in Ordnung.