Kurznachrichten: Potpurri Platte
Abgründe tun sich auf
(Jürgen Witte) Ihr erster Freund hatte damals, sie hat es mir in einer stillen Stunde gebeichtet, »Schnucki« zu ihr gesagt. »Schnucki«. Natürlich kann ich sie damit jetzt aufziehen, wann immer es mir paßt. Natürlich wird sie wild werden, wenn ich es tatsächlich tue. Also lieber doch nicht. »Schnucki«. Seither sehe ich sie doch manchmal mit anderen Augen.
Kneipensterben
(Horst Evers) Jede Woche schließen allein in Berlin rund zwanzig Kneipen. Heine, dessen Jahr ja auch gerade war, soll mal gesagt haben: »Ein Volk, das seine Wirte nicht ernähren kann, ist ein armes Volk«. Da ist was dran. Früher, ja früher, da bin ich einfach mal in die Kneipe und hab gesagt: »Egal, was kost die Welt, heut wird gefeiert! Herr Wirt, bringen Sie mir mal ne Flasche von Ihrem besten Schultheiss!« Und dann ist der Wirt in den Keller und hat ne Flasche 1987er Schultheiss geholt. Der 87er, ein großer Schultheissjahrgang. Das war savoir vivre, aber die Zeiten sind vorbei.
Wieder kein Vorbild
(Bov Bjerg) Aufmüpfig, provokant, gemein - ja, das wolln wir alle sein! Und unberechenbar! Leider aber ist da keine schlecht verheilte Narbe, die wulstig über meine Wange pflügt. Keine zerstampfte Nase, die da zeugt vom Drang zur ganz abrupten Lösung von Konflikten. Leider kann ich nicht einmal die Augenbrauen donnerwetterdrohend schürzen. Von schlimmen Worten ganz zu schweigen. »Scheiße, Herrgottzack, verreck«? - Niemals. Ein leises »Mist!« muß meinem Wutobjekt genügen. Kein Bürgersmann, der mir nicht seine Tochter oder gar sein Auto anvertrauen würde.
Das ist ein hartes Los. Ein Leben wie ein lascher Händedruck. Aufmüpfig, provokant, gemein - ja, das wolln wir alle sein! Und unberechenbar.
Bloß, wie stell ich's an? Der böse Blutrauschregisseur hat's mir gezeigt. Saß Herr Christoph Schlingensief vor seinem Auftritt bei Herrn Harald Schmidt doch in der Garderobe, in Gedanken wohl bereits beim nächsten Assoziationskettensägenmassaker o. dgl., das klare, liebe Apothekerssohnsgesicht von einer Fernsehkamera bedrängt, Skandal lag in der Luft - und führte seinen ausgestreckten Finger ein. Ins Nasenloch. Und popelte. Aufmüpfig, provokant, gemein. Und unberechenbar.
Vor Ekel zog ich mir die Schuhe aus. Und ging zu Bett, vom Willen beseelt, hinfort mir ein Beispiel zu nehmen an diesem idealen Schwiegermutterschreck.
Und hörte am nächsten Tag, der Popler habe Herrn Schmidt und Publikum von seinem Penispilz gepredigt. Was??? Penispilz? Och, nee...
Keine Solidarität
(Hans Duschke) Am Montag sind Jürgen und ich eingeladen, im Audi-Max unsere Solidarität bekanntzugeben. In der Chill-Out-Zone des Hauptgebäudes, errichtet von der AG Lust, läuft Goa-Trance mit DJ Max & Moritz. Ich chille out, leg die Füße auf den Tisch, greife mir eine Zeitung und einen Becher Kaffee. So läßt sich's aushalten. Wichtige, aufgeregte junge Menschen laufen umher und kleben Zettel an die Info-Wand.
19 Uhr 15: Statt der erwarteten 800 sind nur 25 StudentInnen an unserer Solidarität interessiert. Na, dann eben nicht. Wir stecken noch ein paar Flugblätter ein (die, die nur auf einer Seite bedruckt sind) und ziehen um in eine Nachbarkneipe. Die Studenten haben uns enttäuscht. Und ihre Hauptforderung - »Wir sind die Elite von morgen und wollen schon heute so behandelt werden« - können wir uns nicht anschließen.
Samstag Nachmittag
(Jürgen Witte) Die Telefonnummer Ihres Vaters, Sohn von Karl-Heinz Dembowski, wohnhaft in Reinickendorf ist nicht die meine. Seine Telefonnummer ist die 496 73 66. Auch wenn Sie das an jenem Samstag Nachmittag selbst beim vierten Gespräch nicht wahrhaben wollten. Ich habe die korrekte Nummer Ihres Erzeugers sogar im Telefonbuch nachgeschlagen. Ja, ich ging selbst soweit, bei Ihrem Oheim anzurufen, um ihm mitzuteilen, daß sein verzweifelter, wahrscheinlich betrunkener und dabei äußerst unflätiger Sohn gerne mit ihm sprechen will. Leider war der Mann nicht zu Hause.
Im Zug
(Sarah Schmidt) Mitropa, das war früher so schön. Und heute? Lammlachs an Glühwein-Schwarzbrotsoße. Sowas eß ich nicht. Kiwisorbet, wahlweise mit weißer oder schwarzer Mousse. Iiih!
Ich will Hühnersuppe mit trocken Brot. Aber sowas gibt es nicht mehr. Mitropa ist jetzt schick geworden.
Daß es dafür jetzt Klatschbrötchen, 3 kleine Negerküsse an Schripp' gibt, tröstet mich überhaupt nicht.
Neukölln wehrt sich
(Hinark Husen) High-Noon in der Karl-Marx-Straße. Am Rathaus ist ein kleiner Stand aufgebaut, an dem ein mittelaltes Ehepaar das schlimme Heft des Spiegel ausgelegt hat. An dem kleinen Tisch ist ein Transparent aufgebaut mit der Aufschrift: Neukölln wehrt sich. Ein bebrillter Mitzwanziger, wahrscheinlich Wahlrixdorfer und ostwestfälischer BWL-Student plustert sich neben dem ebenfalls nun langsam tomatig anlaufenden Ehepaar auf: »Stimmt doch alles, was der Spiegel über Neukölln geschrieben hat, so isses doch!«. Darauf hat die Dame nur gewartet. Während ihr Gatte den verdutzen Studiosus in den Schwitzkasten nimmt, rollt sie das Spiegel-Heft zusammen und stopft ihm das Lügenblatt ins Lügenmaul. Der Mann bricht zusammen. So ist das auf den Straßen von Neukölln.
Was ist Wahrheit?
(Hans Duschke) Die Wahrheit ist: Gott macht ein Video von allem, was geschieht. Da ist die Wahrheit drauf. Aber er spult nicht zurück. Gott ist nur an Live-Bildern interessiert.
Einsamer Mann,
wie du am Morgen des ersten Januar, so gegen halb vier war es, wie du da deinen Wagen vor Deinem Steglitzer Wohnblock geparkt hast, wie du dann ausgestiegen bist, allein, nicht mal sonderlich betrunken schienst du zu sein, und wie du dann trotzig - wo dir an diesem Abend bis weit nach Mitternacht anscheinend alles daneben gegangen war - die große Kiste mit den Krachern ausgepackt hast; und wie du dann alleine und wortlos, den Karton immer griffbereit auf der Kühlerhaube, angefangen hast, es war halb vier wohlgemerkt, dein privates Feuerwerk abzufackeln, das grenzte zwar selbst in dieser lauten Neujahrsnacht schon wieder an Ruhestörung, aber es hatte gleichzeitig sowas von hemingwayscher Männereinsamkeit, von schicksalsgeschlagenem Heldentum; - alles in allem eine Szene von tragischer Größe, so daß man schon fast geneigt wäre, dir uneingeschränkte Bewunderung zu zollen.
Aber wo kämen wir hin, wenn jeder allfrühmorgendlich seine Niederlagen auf dem Partyparkett dergestalt in die Welt hinausbrüllen wollte? (Jürgen Witte)
Dürftige Dialoge Nr. 27
»Bist du auch Fische?«
»Ob ich Fische esse, willst du wissen?«
»Nicht ißt. - Bist! Ob du auch Fische bist, hab ich gefragt?«
»Wieso?«
»Na, ich bin Fische. Und Fische sind sehr friedfertige Menschen.«
»Fische sind friedfertige Menschen?«
»Ja, horoskopmäßig. Sag, schon, was bist du?«
»Ich interessiere mich nicht für Horoskope.«
»Nun sag schon. Ich wette, du bist Jungfrau.«
»Wenn du's unbedingt wissen willst: Ich bin Steinbock.«
»Wußt ich's doch! Steinböcke sind sehr eigenwillig.«
»Wenn du meinst. Können wir jetzt über was anderes reden?«
»Meine Mutter ist auch Steinbock. Was sind deine Aszendenten?«
»Ist mir doch egal. Ich weiß nur, daß ich Steinbock bin.«
»Und im Chinesischen?«
(Andreas Scheffler)
Harte Zeiten
(Horst Evers) Kein Frühstück da, kein Geld da, aber Hunger. So sieht kein guter Morgen aus. Na gut, hilft ja nix, also nochmal Pyjama anziehn, mein großes Schild umhängen: Vorsicht Schlafwandler, nicht ansprechen, Lebensgefahr!!!, und auf geht's zum Rewe-Markt. Auf dem Weg gucken alle, aber keiner spricht mich an. Ich nehm mir Brot, Butter, Käse, Wurst, Zigaretten, Zeitung und gehe unbehelligt zurück nach Hause. Na, geht doch. Man muß sich nur zu helfen wissen. Im Treppenhaus begegnet mir Herr Britz aus dem dritten Stock, er schlafwandelt auch, hat aber einen Videorecorder unterm Arm. Verdammt, ich denk einfach nicht groß genug.
Volker Rühe meldet:
(Jürgen Witte) Beim Fahrdienst eines Rot-Kreuz-Krankentransports ein Rettungssanitäter als Nazi-Zivi am Steuer eines Bullis enttarnt. In einem Altenheim in Mecklenburg-Vorpommern gleich zwei Neonazis, als harmlose Zivis getarnt, beim Pflegedienst ertappt. Die Nation ist in Angst und Schrecken!
Neonazis in der Bundeswehr, gut und schön, dort sind sie wenigstens kaserniert. Aber so einem Neonazi-Zivi, dem könnte man ja jeden Tag auf offener Straße begegnen. Sind die nicht vielleicht noch viel gefährlicher? Gut, sie haben keine Waffen, aber sie haben Spritzen und Tabletten, vielleicht sogar Schnabeltassen und diätische Tiefkühlfertigmenues!
Andererseits
(Bov Bjerg) Wo nun inzwischen auch der letzte Wehrmachtsangehörige die Bundeswehr aus Altersgründen verlassen hat: Irgendwo müssen die jungen Leute doch hin, die den innigen Kontakt zu dieser älteren bis uralten Generation suchen. Warum nicht ins Altersheim? Und überhaupt: Der Jung-Nazi, der dem Alt-Nazi geduldig den runzligen Arsch abwischt - ist das nicht eine gar zu bezaubernde Vorstellung?
Ich werde älter
(Sarah Schmidt) Vor ein paar Wochen war ich bei einem Freund zum Geburtstagskaffee eingeladen. Beim Kuchenessen entsponn sich zwischen zwei jungen, nachweislich heterosexuellen Männern folgender Dialog: »Du, lecker diese Apfeltorte. Wie hast du das mit der Füllung gemacht?«
»Ach, ganz einfach. Äpfel, Quark, Eiweiß und Nüsse, alles zusammen bei 180 Grad 50 Minuten auf der mittleren Schiene.«
So sprechen Männer in meinem Alter nie.
Essen und Schreiben
(Bov Bjerg) Nee, nee, nee, die Tazleserin hat's auch nicht leicht. Warum »die Leute, welche auf Tierausbeutung verzichten, in der taz ständig beschimpft werden und nicht jene, um deretwillen die Tiere ausgebeutet, gequält und aller Rechte auf Leben und Gesundheit beraubt werden?«
Fragt zu Recht in eben jener Zeitung Frau Holler aus Hamburg.
Vielleicht weil »die Leute« ständig - vom Verzicht verzehrt, mit hohlen Wangen und waidwundem Rehblick - vor dem Metzgerladen stehen und uns ihr Missionsmagazin Schlachtturm andrehen wollen? Während »jene« ihre Schweinereien ohne viel Aufhebens und gleichsam im Vorübergehen einfach aufessen?
PS: Haben Tiere eigentlich nur ein Recht »auf Leben und Gesundheit«? Was ist mit dem Recht auf Wohnen und, in Zeiten wie diesen vor allem anderen, dem Recht auf Arbeit?
Dieses Gefühl von Fremde
(Jürgen Witte) Er war unverkennbar Engländer, er war etwas schüchtern, und wie sich herausstellen sollte, war er auch noch ein miserabler U-Bahn-Sänger. Als ihm dann aber so gar niemand Aufmerksamkeit schenken wollte, irgendwo zwischen Güntzel- und Berliner Straße, zwischen seinem ersten und seinem zweiten Lied, da platzte es plötzlich aus ihm heraus: »Yes, I understand, ain Volk, ain Raich, ain Fjuhrer!«
Es mußte einfach raus. Er war zwar kein guter Sänger, und seine Gitarrenkünste waren mehr als bescheiden, aber er war kein schlimmer Mensch. Das konnte ihm niemand nehmen. Gerade in Berlin, im Herzen der Bestie, allein unter lauter Nazis.
Auf der Titanic
Dame: »Ober, würden Sie mir bitte die Karte bringen!«
Ober (launig): »Die Speisen- oder die Seekarte, gnädige Frau?«
Dame: »Umpf.«
(Andreas Scheffler)
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08