Hans Duschke: Der deutsche Lech Walesa
Bericht von der Abschlußkundgebung des 1. Arbeitslosen-Aktionstages am Brandenburger Tor - sog. Jagoda-Demo
Diese Arbeitslosen! Jetzt fangen sie auch noch an zu demonstrieren. Vor dem Mikrofon auf dem mitgebrachten LKW-Anhänger, da stehen keine Politiker: Die Politik hat hier verschissen. Sogar der Vertreter der Gewerkschaft hat Mühe, sich Gehör zu verschaffen: »Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren, ich bitte Sie, lassen Sie mich doch zu Wort kommen...«
Männer aus dem Volke waren es, die zu den Arbeitslosen sprachen. Ein Arzt aus Wilmersdorf: »Als Arzt, meine Damen und Herren, liebe Arbeitslose - ich weiß nicht, ob Sie sich an den Witz erinnern: Meine Damen und Herren, liebe Neger, Lübke war das - als Arzt lautet meine Diagnose: Die Arbeitslosigkeit ist ein lähmendes Krebsgeschwür, es muß etwas geschehen, sonst stirbt diese Gesellschaft. - Da gibt es nun verschiedene Möglichkeiten. Die einen sagen: Herausschneiden, die anderen plädieren für Elektroschocks oder Chemotherapie - verabreicht möglicherweise über das Trinkwasser.«
Die Arbeitslosen begannen zu murren. Jetzt standen sie schon auf der Straße - immerhin auf ihrer eigenen Demo und vor dem Brandenburger Tor - und mußten sich solche Sachen sagen lassen.

Als nächstes betrat, als Vertreter der Kultur und des Unternehmertums, Herr Dussmann, Besitzer des Kulturkaufhauses, das Podium. »Arbeitslose. Männer und Frauen. Ich wende mich an jeden einzelnen von euch: Willst du einen Job, 60 Mark Stundenlohn? - Hier, putz meine Schuhe, kriegst 5 Mark. - Keiner? - Na dann...«
Jetzt waren die Arbeitslosen wütend. Aus der Masse drängte sich ein Mann nach vorn: Es war Herbert Krüger, gelernter Kraftfahrer aus Reinickendorf, der Mann, den die Historiker den deutschen Lech Walesa nennen werden.
»Ich war auch lange arbeitslos. Ich weiß, wie das ist, um 12 Uhr 30 Matlock auf Pro 7 und um 15 Uhr Raumschiff Enterprise auf SAT 1.«
Ja, das mußten die Arbeitslosen zugeben, das war schon schön. Obwohl jeder natürlich nur für sich sprechen konnte, schmerzlich waren sie sich ihrer Entsolidarisierung bewußt.
»Schmerzlich sind wir uns unserer Entsolidarisierung bewußt«, sagte Herbert Krüger, und die Arbeitslosen fühlten sich verstanden.
»Ich möchte nun meine Forderungen bekanntgeben!« Er war der einzige, der Forderungen mitgebracht hatte. In diesem Augenblick begannen die Arbeitslosen ihm zu folgen. Er holte einen zerknitterten DIN-A4-Bogen aus der Jackentasche und las:
»1. Autos von Arbeitslosen brauchen keinen TÜV. 2. In der Videothek zahlen Arbeitslose halbe Preise. 3. Gegen Vorlage einer Arbeitslosenbescheinigung erhalten wir ein kostenloses Funktelefon!«
Beifall brandete auf. Dieser Mann sprach ihnen aus der Seele. Hier war ein Anfang gemacht. Weitere Forderungen konnte man immer noch stellen.
»Zur Zeit«, ergriff Herbert Krüger erneut das Wort, »zur Zeit bin ich im Wachschutz beschäftigt. Und hier habe ich eins gelernt: Wenn die da oben Ruhe und Ordnung haben wollen, dann müssen sie dafür bezahlen. Indem wir nicht randalieren, erbringen wir eine Dienstleistung, die anständig bezahlt werden muß. - Was können wir tun? Nun, wir könnten anfangen zu arbeiten. Wir können Löcher in die Straße graben, Reifenwechsel durchführen, Telekom-Kästen öffnen und die Leitungen neu verlegen, in der U-Bahn die Notbremsen auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüfen, usw. - Wenn nicht bald etwas geschieht, dann fangen wir an zu arbeiten.«
Na, das waren ja schöne Aussichten, dachten sich die Arbeitslosen, und am Rande der Veranstaltung bekam Herr Dussmann auch noch seine Schuhe geputzt.