Ahne: Wie ich mal die Welt rettete
Gestern vormittag lief jemand vor mir, der hatte einen so großen Rucksack auf, daß dadrin eine Atombombe hätte sein können. Man hört ja jetzt so allerhand von, daß das in der Ex-Sowjetunion so üblich ist, kleine Atombomben rumzutragen und auch mal zu verschenken. Ich hatte ganz schön Angst. Ich schaute mir die umherlaufenden Passanten an. Wer würde mir helfen, mir beistehen? Zivilcourage war gefragt. Ich hatte erst neulich so 'nen Film gesehen. Da hatte einer allein nur mit seiner Intelligenz und seiner Muskelkraft die Mafia und auch die bösen Leute aus der Ukraine besiegt und damit die Welt vor dem Atomkrieg gerettet. Außerdem hat er noch einen Sohn mit seinem Vater zusammengebracht, und er war lustig.
So wollte ich auch sein, mal sehn. Ich rannte unauffällig an ihm vorbei und wartete an der nächsten Ecke total gut versteckt, so daß er mich nicht sehen konnte. Allein, der Kerl war cleverer als ich gedacht hatte. Er war auf die andere Straßenseite gewechselt. Ich biß mir vor Wut den halben Ringfinger der linken Hand ab, kaute ein wenig drauf rum und spuckte die Knorpel und Knochenstücke wieder aus. Doch wer jetzt gedacht hätte, ich würde aufgeben, der sah sich getäuscht. Ich lieh mir von einer entgegenkommenden Dame ihren Regenschirm aus, kaufte in einer Drogerie etwas Gift und füllte den zufällig hohlen Schirmstab damit auf. Jetzt brauchte ich nur noch eine Spritze. Ich nahm eine, die auf dem Boden lag, wegen Drogensucht, und baute sie in den Schirm rein.

Jetzt war die Mordwaffe fertig. Das war ja toll! Ich bin ein eleganter Techniker, das mußte ich mir lassen. Praktisch aus dem Nichts eine unauffällige Konstruktion aufgerichtet. Prima! Aber wo war der Terrorist jetzt. Ich hatte ihn für einen Moment aus den Augen verloren. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber nicht mit mir! Mit nur einem Hops saß ich auch schon auf einem Fahrrad, hinten auf dem Gepäckträger drauf. Die Frau guckte erst komisch, aber ich sagte: »Weißensee, nehmen sie die Verfolgung auf«, und öffnete den Regenschirm, denn es hatte mittlerweile heftig zu hageln begonnen.

Die Frau tat mir leid. Sie hatte keinen Regenschirm und mußte auch noch radfahrn für zwei. Währenddessen schlugen ihr die Eisbrocken auffallende Gruben in die Schädeldecke. Der Hagel wurde immer stärker. Man sah fast gar nichts mehr. Außerdem setzte Frost ein. Mir war kalt. Dann rutschte die Frau weg. Wir flogen hin, und ich tat mir weh. Scheiß Fahrrad! Es war total vereist, noch mit der Frau dran. Ich hatte jetzt andere Probleme. Drüben vor dem Kino Rio stand der Typ mit der Bombe. Er lächelte.

Ich sah zwar nur seinen Hinterkopf, aber ich konnte sein Lächeln tief in mir drin spüren. Wir waren Gegenspieler, das wußte er genau. Mein Gesicht wurde stahlhart.
Plötzlich schien die Sonne. Ein Bus kam vorbei. Ich überquerte die Straße. Vom Dach rutschte eine Ladung Ziegel herab und begrub eine Oma unter sich. Ich hatte jetzt andere Probleme. Der Typ mit dem Rucksack stand nur noch fünf Meter von mir entfernt. Er griff sich in den Schritt und spielte ein wenig an seinen Eiern. Das Schwein! Jetzt bloß nicht ausrasten. Ich überprüfte meine Ausrüstung, gab einem vorbeikommenden Schulkind eine Probespritze und sah zu, wie es nach ein paar Metern torkelnd in sich zusammenbrach. Alles klar. Doch was war jetzt? Der Typ hatte sich umgedreht. Deutlich schimmerte das Böse in seinen Augen. Er fragte, warum ich ihn so anstarre. Ich gab keine Antwort. Stattdessen rammte ich ihm den Regenschirm mit aller Gewalt in die Magengegend und pumpte ihn mit einer doppelten Ladung Todesgift voll. Er war ein zäher Hund. Er röchelte irgend etwas von Energiebällchen. »So nennt man das also in euern Kreisen!« Ich wußte nicht, wieviel Zeit mir noch blieb. Im Fernsehen schalteten sie die Bomben meistens erst zwei Sekunden vor dem Overkill aus. So wollte ich es auch machen. Aber man konnte nie wissen.
Im fahlen Mondlicht war es entsetzlich schwer, den Doppelknoten vom Rucksack aufzubekommen. Hölle noch was! Dann endlich, der Terrormann war schon in den Zustand der Leichenstarre übergetreten, da schaffte ich es. Zu meiner Überraschung war die Bombe sogar noch größer als ich gedacht hatte, nämlich doppelt so groß. Eigentlich viel zu groß für den Rucksack. Aber die Realität ist manchmal äußerst abstrakt.
Der Zünder stand auf 25 Sekunden vor Explosion, ich hatte also noch ein wenig Zeit. Pünktlich bei zwei Sekunden vor Ultimo schaltete ich ihn aus und rettete damit die Welt. War gar nicht mal so schwer. Die im Fernsehen dramatisiern immer alles so.
Ach, und übrigens, das mit dem toten Schulkind hab ich der vereisten Frau in die Schuhe geschoben, man is ja schließlich nich blöd.