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Horst Evers: Tagesmutter

Donnerstagnacht 2 Uhr 30. Seit fünf Stunden saß ich nun schon mit Martin in der Kneipe. Geredet hatten wir eigentlich nicht viel, außer vielleicht: »Und? Trinkst noch einen mit?« Oder: »Mensch, nu is das auch schon wieder halb zwei, Mann du, hier is was los.« Ansonsten tranken wir Bier und schwiegen. Es war ein richtig schöner Abend. Ein Männerabend. Ein Idyll. So schön stell ich mir das auch in Skandinavien vor. Doch plötzlich zerstörte Martin diese Idylle. Er sagte den schlimmen Satz. Den Satz, der jede vor allem auf gemeinsamem Schweigen begründete Männerfreundschaft zerstören kann. Er sagte:

»Horst, ich hab ein Problem.«

Ich dachte das, was jeder echte Freund in so einer Situation denken würde. Ich dachte: »Horst, du hast jetzt genau zwei Möglichkeiten. Möglichkeit A: Du sagst, du müßtest auf Toilette und versuchst durchs offene Klofenster zu entkommen. Möglichkeit B: Du tust so, als wärst du völlig betrunken und kriegst nichts mehr mit.« Wider besseren Wissens jedoch blieb ich sitzen und versuchte, so gefaßt wie möglich zu fragen:

»Geht's um eine Frau?«

»Worum denn sonst. Meine Mutter kommt zu Besuch.«

»Ah ja. Martin, merk dir, was du sagen wolltest, ich muß nur eben auf Toilette, ich nehm mal lieber meine Jacke mit, das zieht da immer so durchs offene Klofenster.«

»Vergiß es, ich hab vorhin deinen Wohnungsschlüssel aus deiner Manteltasche genommen. Du kommst hier erst raus, wenn du mir zugehört hast. Weißt du, meine Mutter ist ganz anders als ich.«

»Du meinst, sie ist dynamisch, lebenslustig und sieht für ihr Alter noch verdammt gut aus?«

»So in etwa. Ich möchte auf ihren Besuch vorbereitet sein und deshalb bitte ich dich, mich dafür zu trainieren. Ich möchte, daß du so tust, als wärst du meine Mutter und würdest mich besuchen, für 24 Stunden.«

»Muß ich mich dazu verkleiden?«

»Nein.«

»O. K., is geritzt. Wann soll ich ankommen?«

»Dienstagmorgen.«

Dienstagmorgen, punkt zehn Uhr, stand ich vor Martins Wohnungstür. Er öffnete. Ich strahlte ihn an.

»Martin, mein Schatz, da bin ich!«

»Hallo.«

»Na, was ist das denn für 'ne Begrüßung? Freust du dich denn gar nicht, mich zu sehen.«

»Doch, doch.«

»Hättest deine alte Mutter auch ruhig mal vom Bahnhof abholen können. Na, hab ich mir eben ein Taxi genommen. Der Fahrer steht unten und wartet, daß du ihm sein Geld bringst.«

»Hast du ihn nicht bezahlt?«

»Nein, ich hab meinen Geldbeutel zuhaus liegen lassen. Wenn du Weihnachten kommst, gibt Papa dir das wieder. Zahl du jetzt erstmal den Fahrer, ich guck mich hier solange um.«

Während Martin den Fahrer bezahlte, inspizierte ich die Wohnung. Als erstes schaute ich in den Kühlschrank - der Junge ißt nicht richtig, sieht auch nicht gut aus; zu den Fenstern - die muß er mehr putzen, zu wenig Licht macht depressiv; und unters Bett - diese Staubknäuel sind ganz gefährlich, die dünsten nachts Bakterien aus und ziehen dann so irgendwie in den Organismus, ganz gefährlich. Ich notierte mir all diese Punkte, um sie Martin den Tag über so nach und nach mitzuteilen. Natürlich immer angefangen mit meiner Lieblingseinleitung für diesen Tag: »Martin, ich weiß, es geht mich nichts an und ich will mich auch nicht einmischen, aber ...« Ich war mir sicher, Martin würde diesen Satz im Laufe des Tages noch richtig schätzen lernen. Als er wiederkam, hatte ich, noch immer im Mantel, bereits seinen Staubsauger in der Hand. Ich bemühte mich, ihn möglichst anklagend zu halten.

»Na, das wurde ja wohl höchste Zeit, daß ich dich mal besuche, was? Ich denke, wir zwei machen hier jetzt erstmal richtig sauber, und dann kaufen wir dir was Vernünftiges zum Essen.«

»Ich hab die ganze Woche geputzt, Hunger hab ich auch keinen. Und seit wann kostet eigentlich ein Taxi von Kreuzberg nach Neukölln 50 Mark?«

»Du Dummerchen, ich komm doch eigentlich vom Bahnhof Zoo, und außerdem dacht ich mir, wo ich schon mal in der Stadt bin, guck ich mir doch gleich noch den Potsdamer Platz an, wie der sich so verändert. Mensch, die bauen da ja ganz schön. Ihr seid ja ordentlich fleißig hier in Berlin, obwohl, du ja nicht, du hast da ja wahrscheinlich gar nix mit zu tun. Wo ist denn deine Freundin?«

»Äh, die ist für ein paar Tage weggefahren.«

»Ach? Allein? Ohne dich? Naja, mußt du ja wissen. Ich meine, mich gehts ja eigentlich nix an, und ich will mich ja auch nicht einmischen, aber, daß die so ohne dich wegfährt? Is das überhaupt noch dieselbe?«

»Doch, doch.«

Ich konnte nicht umhin festzustellen, daß ich meine Sache als Mutter verdammt gut machte. Martin war schon wieder genau der kleine Junge, als den ich ihn nie kennengelernt hatte. Aber jetzt sollte ich ihn vielleicht ein wenig aufmuntern.

»Laß dich von mir nicht störn, leb dein Leben ganz genauso, als wenn ich gar nicht da wäre. Das ist es ja auch, was ich gerne sehen möchte: wie du so lebst. Was machen wir denn heut Nachmittag?«

»Na, ich weiß nicht, wozu hast du denn Lust?«

»Ist mir ganz gleich. Was du am liebsten möchtest.«

»Zoo oder Museum vielleicht?«

»Was du am liebsten möchtest.«

»Oder Kino? Park? Einkaufen? Spaziern?«

»Sag du.«

»Na denn, gehn wir in den Zoo.«

»Ach nö, Zoo hamm wir auch in Fallingbostel. Laß uns was machen, was du nachmittags immer machst.«

»Also gut, gucken wir Fernsehn.«

»Was?«

»Ich mein, gehn wir Kaffee trinken.«

»Genau, gehn wir dahin, wo du immer hingehst, wo dich alle kennen.«

»Ja, ich glaub, ich weiß da was.«

Ein paar Stunden später saßen wir gemeinsam im Café Kranzler. Entweder hatte mir Martin bislang einen Teil seines Lebens verschwiegen, oder er belügt seine Mutter. Beides konnte mir nicht gefallen.

»So, und hier bist du also immer nachmittags?«

»Ja, so in etwa.«

»Na, ich weiß ja nicht, wie heißt denn der Kellner?«

»Horst, bitte!«

»Martin, nenn deine Mutter nicht Horst, du weißt, sie mag das nicht.«

»Du bist gar nicht meine Mutter!«

Hoppla, dachte ich. Jetzt, Martin, jetzt hast du aber einen Fehler gemacht. Ich preßte meine Faust in meine Seite, damit mir die Tränen hochstiegen, um sie dann mühsam wieder unterdrücken zu können.

»Was bin ich nicht? Zwölf Stunden hab ich im Kreißsaal gelegen, weil du zu blöd warst, dich vernünftig zu positionieren. Steißlage, zwölf Stunden voller Schmerz und Pein, und jetzt sagst du, ich bin nicht deine Mutter!«

Nun brach ich strategisch klug in Tränen aus, fingerte nach einem Taschentuch und wischte dabei sehr geschickt meine Kaffeetasse vom Tisch. Damit war schon mal gewährleistet, daß alle anderen Gäste im Lokal nur noch auf uns schauten. Martin wurde so rot, daß die vorbeifahrenden Autos auf dem Ku'damm scharf bremsten.

»Horst, bitte.«

»Wie heiß ich?«

»Mutter, ich meine, Mutter, es tut mir leid.«

»Das meinst du nicht ehrlich.«

»Doch, das mein ich total ehrlich.«

»Gut, dann steh jetzt auf und sag all den Leuten hier laut und deutlich: Das ist meine geliebte Mutter!«

»Nein, bitte!«

»Das ist meine geliebte Mutter!«

»Gibt's denn keinen anderen Weg.«

»Nein, nein, nein, du tust gefälligst, was deine Mutter dir sagt!«

»Horst, das Spiel ist beendet.«

»Nein, ich will dich erst noch enterben!«

»Das Spiel ist aus!«

»Na gut!«

Obwohl ich meine Sache verdammt gut gemacht hatte, schien Martin irgendwie unglücklich. Noch einmal versuchte ich ihn aufzuheitern.

»Weißt du, Martin, mein Sohn, ich hab's doch nur für dich getan. Du bist jetzt perfekt vorbereitet, schlimmer als ich kann deine andere Mutter niemals sein. Und wenn sie jetzt kommt, wirst du sie mit mir vergleichen, und du wirst sie mehr lieben als jemals zuvor.«

Und als ich dies sagte, da lächelte Martin. Und ich lächelte zurück, so daß ich gerade noch im Augenwinkel erkennen konnte, wie seine Faust in ungeheuerer Geschwindigkeit auf mein Gesicht zueilte.

Als ich Stunden später wieder zu mir kam, da mußte ich denken, was wir Eltern leider wohl alle irgendwann von unseren Kindern denken müssen: »Von mir hat er das jedenfalls nicht!«

Zeichnung von Kriki

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 23
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Potpourri Platte
Hans Duschke: Der deutsche Lech Walesa Ahne: Wie ich mal die Welt rettete Horst Evers: Tagesmutter Mark Stefan Tietze: Studentenparty Bov Bjerg: Nich mit mir Andreas Scheffler: Der kindliche Waffengebrauch Jürgen Witte: generation m Uwe Beneke: Im hohen Norrrden Sarah Schmidt: Wahrheit oder Tat Manfred Maurenbrecher: Niedrig bleiben Martin Bering: »Bitte legen sie nicht auf« Falko Hennig: Meine kriminelle Karriere Funny von Dannen: Etwas wie Freude Hinark Husen: Urinieren mit Unterhaltungskünstlern Michael Sens: Die Qualle Hans Duschke: Woll mer se reinlasse Andreas Scheffler: Raetsel Gabi Schlaug: Zahltag Manfred Maurenbrecher: Krank Jürgen Witte: Ansichtskarten Horst Evers: Zwei Plätze für Scholz Bov Bjerg: Hoppala Susan Dreyer: Telefongebührenzähler Hans Duschke: Nacht oder Leben Jürgen Witte: Sei tapfer, Soldat
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