Andreas Scheffler: Der kindliche Waffengebrauch im Wandel der Zeiten
Wie sich die Zeiten ändern, das merkt man auch an den Schußwaffen der Kinder. Beim Winnetou- und Old Shatterhand-Spielen war ich früher immer der blonde Deutsche und durfte den berühmten Henrystutzen mein Eigen nennen. Ich war ein brillanter Schütze, schließlich war ich einer der Hauptdarsteller. Aber trotzdem traf ich nur dann, wenn meine Mitspieler beziehungsweise das Drehbuch des tags zuvor gesehenen Winnetou-Films es zuließen. Oft genug stand ich blöd da, wenn ich gerufen hatte »Peng, du bist tot!« und mein Kontrahent erwiderte: »Gar nicht, war nur 'n Streifschuß!« Was soll man da machen? Es war ja nicht nachprüfbar. Aber schlimm war das nicht, denn irgendwann starb mein böser Gegner dann doch. Er tat dies sehr spektakulär, indem er sich theatralisch ans Herz griff, lange und ausgiebig stöhnte und zuckte, schließlich mit einem Ruck den Kopf zur Seite drehte, noch einmal »öh« sagte und dann für eine Weile tot war. Ich als Old Shatterhand hatte natürlich gute Karten, weil ich nicht umkommen durfte. Aber Streifschüsse bekam ich massenhaft ab auf den Sandbergen bei den im Entstehen befindlichen Neubauten in der Nachbarschaft, in Gütersloh.
Das Schießen war für mich eigentlich auch gar nicht so wichtig. Interessanter erschien mir mein Verhältnis zu N'tschotschi. Doch auch das war letzten Endes enttäuschend. Zu platonisch hatte Karl May diese Liaison gestaltet.
Später wandten wir uns dann anderen Spielen zu. Und das, obwohl das Fernsehn die Schwemme von Arztserien in der heutigen Dimension noch lange nicht kannte. Und Dr. med. Marcus Welby hätte wohl eher pädophilen Neigungen Vorschub geleistet.
Heute sind die Kleinen in erstaunlich großer Anzahl firm in asiatischen Kampfsporttechniken. Nur wenige Tage vergehen auf meinem Hof, ohne daß ein mächtiges Geschrei ausbricht, weil jemand einen üblen Fußtritt verpaßt bekommen hat. Wäre ich selbst noch ein Kind, ich müßte mich zu Verteidigungszwecken heute wohl auch in Taekwondo oder ähnlichem unterrichten lassen. Berlin ist nicht Gütersloh, und 1998 ist nicht 1972.
Doch zurück zum Schußwaffengebrauch: Wenn ich dieser Tage die kleinen Kinder auf dem Hof beim Schießen beobachte, dann stelle ich fest, daß sie automatische Waffen und Schnellfeuergewehre tragen. Da blökt dann einer der Zwerge: »Ba-ba-ba-ba-ba-ba, Bauchschuß, keine Chance!« Was nun? Welches Ätsch kann nun kommen? Tatsächlich sagen Kinder heute nicht mehr »ätsch«. Ich glaube, Kinder haben in Wirklichkeit noch nie »ätsch« gesagt. - Also Bauchschuß.
»Du Blödmann, ich hab 'ne kugelsichere Weste an.« Der Gerettete macht daraufhin einen Schritt zur Seite. Das andere Kind kontert, indem es ein furchtbares Getöse anstimmt und ruft: »Hahaha, du bist auf eine Anti-Personen-Mine getreten. Deine beiden Beine sind ab!« Da hilft nichts mehr. Das Volk der Kinder hat das Abkommen zur Ächtung von Landminen nicht mit unterzeichnet.
