Jürgen Witte: generation m
Der Student '98, eine Enthüllungsreportage zur drängenden Frage mit allen Antworten
»Ich will mal über 100.000 Mark im Jahr verdienen, ich will im Sommer Cabrio fahren, und ich will eines Tages die F.D.P. wählen, falls es die Partei dann noch gibt.« Der 14jährige Gymnasiast Mirko G. aus Schwalbach im Schwarzwald spielt gerne civilization am Computer, und wer ganze Welten erschafft, der muß wissen, was er will. Am liebsten ginge Mirko schon jetzt auf die Uni. So wie seine große Schwester Sabine, die im Mädchenzimmer nebenan ihre Koffer für den Umzug nach Berlin packt. Wäsche, Zahnbürste, eine Tages- und Nachtcreme, Salz auf der Haut, ihr Lieblingsbuch, sie wird nur das Nötigste mitnehmen. Zurück bleiben die Skistiefel, die Schwarzwaldtäler und das geranienumkränzte, denkmalgeschütze Elternhaus.
Die zierliche, sonnengebräunte Pharmaziestudentin im ersten Semester sieht ihre Zukunft weit düsterer als ihr optimistischer kleiner Bruder. Nach der Jahrtausendwende, wenn Sabine ihr Studium beendet haben wird, soll es nur noch halb soviele Apotheken geben. Zuzahlungen, Budgetierungen, so werden die Pharmaumsätze auf Jahre hinaus kaum zu steigern sein, die F.D.P. wird allenfalls in Baden-Württemberg noch auf einem Wahlzettel auftauchen, und ein Jahresverdienst von 100.000, oder etwa die Hälfte davon an Euros, wird wohl kaum ausreichen, um sich ein Luxusleben mit teurem Zweitwagen zu finanzieren. »Aber schön wäre es schon!« sagt die aufgeweckte Sägewerkbesitzerstochter und blinzelt mit ihren kleinen, listigen Äuglein.
»Raus aus der Enge der Kleinstadt« zieht es den stämmigen, großgewachsenen Rheinländer Peter K. nach Berlin. Eine neue Stammkneipe hat er da schon gefunden. Der Schnurrbartträger, der gerade seinen Wehrdienst beendet hat und eines Tages »irgendwas mit Medien« machen will, hat sich an der Berliner FU bei den Germanisten eingeschrieben. Publizistik als Nebenfach soll ihm helfen, Redaktions-Türen zu öffnen. »Oder was mit Internet«, sagt er und zuckt mit den Schultern. »Wegen der Informationsgesellschaft, sowas in der Art eben!« Eine Fortführung des großen Streiks aus dem letzten Semester käme für ihn als Einstieg gerade recht, meint er, »mal was in Öffentlichkeitsarbeit anleiern, Medienkontakte aufbauen«, dann wird sein Blick wieder glasig, und er wendet sich müde dem dritten Bier zu.
Es ist eine skeptische Generation, die jetzt in die Hörsäle und Seminarräume strömt. »Skeptik...«, räsoniert der neunzehnjährige Erstesemester-Linguistik-Student Hannes G. »Skeptik ist einfach ein lustiges Wort. Ess, Kaa, Pee, Tee und Kaa, so knapp zusammen, das klingt einfach kraß!« Dann schiebt der nachdenkliche, dünnhäutige Westfale seine buntlackierte Metallbrille auf der kleinen Nase zurecht, »aber man kann das natürlich auch alles negativ sehen!«
»Einfach Schau« findet die zukünftige Mathematik-Studentin Isa M. aus Brandenburg die Clubs und Kneipen Berlins. Sie sucht derzeit noch eine Wohnung oder ein Zimmer »im Prenzlauer Berg«. Sie schüttelt ihren lebensfroh lächelnden Lockenkopf. »So um die 300 warm, das wäre schön!« Daß ihr Studienplatz den Senat pro Semester Zehntausende kostet, das will sie sich gar nicht so genau vorstellen. Finanzsorgen hat sie selbst genug. Auf die drohende Einführung von Semestergebühren reagiert sie spontan mit hilfloser Wut und Trauer. »Ich werd wohl nebenher jobben müssen«, seufzt die uckermärkische Realistin mit dem tiefroten Henna-Schopf, wischt sich eine Träne von der Wange und kratzt sich verlegen zwischen ihren drei Nasenringen. »Mit Mathe als Hauptfach, da sollte ich als Serviererin doch Chancen haben.«
»Die Leute haben einfach keine Träume mehr!« seufzt der angehende Psychologie-Student Guido Sch. Der strohblonde, schmächtige Mann mit der nachdenklichen Stirn legt selbige gerade in Falten. »Angstträume, wenn überhaupt noch! Und das soll unsereins dann eines Tages alles weg-analysieren.«
Gehört diese ganze verunsicherte Generation wirklich auf die Couch? Nach Sicherheit strebt zumindest der kräftige, durchtrainierte Jura-Student Bernd M. aus A. »Jobmäßig sieht's für Juristen ziemlich düster aus, aber, ich denke mal, es kommen auch wieder andere Zeiten!« Der angehende Studiosus der Rechte mit seinem sauber gezogenen Scheitel setzt all seine Hoffnungen auf eine stramm rechte Gesinnung und die alten Herren der Verbindung Borussia-Germania-Teutonia 23. Die kommenden Jahre hält der überzeugte Krawattenträger für die entscheidenden seines Lebens. Er hofft, daß es ihm in der Hauptstadt gelingt, zum Kittelmann-Landowsky-Diepgen-Zirkel Zugang zu erlangen, oder zur neuen Schönbohm-Fraktion.

Aber nicht alle Erstsemester orientieren sich an solch traditionellen Werten. Einen eher unkonventionellen Studienwunsch äußert Mareike O. aus Lichterfelde: »Langzeitstudentin!« sagt sie, und sie weiß genau, was sie will. »Ich will Lehrerin werden, Französisch und Kunst. Aber bis es an den Schulen wieder Jobs für Neueinsteiger gibt, da müssen schon noch zehn Jahre ins Land gehen«, und deshalb bereitet sich die kesse Berlinerin mit den frechen Grübchen auf mindestens zwanzig gemächliche Semester an der FU in Dahlem vor. Auf die Frage, ob sie als Muster-Abiturientin mit einer glatten 1,0 nicht viel mehr erreichen könne, wehrt sie bescheiden ab. Ein Trainee-Programm bei einer großen Berliner Bank hat sie nach zwei Wochen abgebrochen. »Ich will mit echten Menschen zu tun haben, mit Kindern, die noch träumen können und lachen!« Dann fügt sie noch hinzu: »Wenn ich mit dem Studium fertig bin, dann sind meine eigenen auch schon auf der Schule!« und dabei deutet sie stolz auf ihren schon sichtbar schwellenden Bauch. »Was das tollste ist, meine Mutter ist auch Lehrerin, und die steht da voll hinter mir!«
»Verwickelte Lebensentwürfe« konstatiert die angehende Soziologin Birthe L. aus Zehlendorf bei ihren Studienkollegen. Ein gradliniges, am späteren Erfolg ausgerichtetes Leben, wie es die Elterngeneration noch erlebt hat, scheint heute für die meisten Studienanfänger undenkbar. Die wenigsten werden einen adäquaten Job nach dem Studium ergattern können. »Zum Glück kommen fast alle aus dem Mittelstand - eine >generation m< gewissermaßen - da bleibt dann immer noch die Familie, das Erbe, da fällt man nicht gleich ins Bodenlose«, erläutert die Professorentochter verschmitzt.