Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 22/1998 Uwe Beneke: Im hohen Norrrden
Artikelaktionen

Uwe Beneke: Im hohen Norrrden

Im hohen Norrrden, wo die eisigen Winde langpfeifen, wo es so kalt ist, daß sogar die Polarfüchse in dicken rosa Wattejacken und mit Bommelmützen durch den Schnee tapsen, wo jahrelang tagein, tagaus der Vollmond fahles Licht über die trostlose Einöde verbreitet, bis nach einer Monate währenden Dämmerung für ein paar Minuten die Sonne rauskommt, die aber von einer Wolke aus Eiskristallen völlig verdeckt wird, sooo weit nördlich, nördlicher noch als Oranienburg, da steht ein alter Mann auf dem Deich und starrt hinaus auf das Wasser. Und seine wettergegerbten Augen trotzen dem Sturm und der Springflut, genau wie seine Regenjacke, überhaupt der ganze Typ trotzt den Naturgewalten, unerschütterlich steht er da und schaut auf die meterhohen Wellen der Müritz, wo vollbeladene Schlauchboote und Luftmatratzen kentern und die Schreie ertrinkender Badelustiger die Luft erfüllen. In seinen krausen Zottelbart hat der tosende Wind ein paar Gischtspritzer geschleudert, hier und da zappelt auch ein Hering oder ein Quastenflosser, zappelt eine Weile, aber der Mann ist so unbeweglich, wie ein Felsen steht er da, da werden die Fischlein dann auch bald ganz ruhig. Der Mann rührt sich nicht, schaut einfach hinaus auf die See, sein Haar flattert im Wind, sein letztes Haar, 28,4 cm und immer noch kein bißchen grau flattert es, und jeder kann sehen: Es herrscht Ostwind!

Und eine schwarze Regenwolke schiebt sich von links ins Bild, kürbisgroße Eisklumpen hageln auf ihn nieder, doch er wankt nicht, neben ihm ein Kartoffelkäfer, wird getroffen und bricht röchelnd zusammen, aber der Mann steht und schaut, denn er ist entschlossen!

Und Martha ist schuld! Ungezogenes Weib, hat sie doch verlangt, daß heute er den Abwasch macht, »wo sie doch gestern dran gewesen« wär. Aber er hat gesagt: »Naaaein, heute ist es ja viel mehr als gestern! Gestern hatten wir ja kein Kompott!« Aber sie hat gesagt: »Heute bist du dran, das ist mein letztes Wort!«

Und er hat gesagt: »Dann gehe ich!«

Und jetzt steht er hier, die Füße mit den Badelatschen im Sand des Rechliner Deichs vergraben, und trotzt unerschütterlich. Hinter ihm am Horizont kann man noch das Zelt erkennen, 15 schicksalhafte Meter entfernt, und es gibt kein Zurück, er hat es versprochen, er sieht sich nicht mal um, er blinzelt nicht mal mit den Augen, höchstens ein bißchen. Er rührt sich auch nicht, als Martha ruft: »Inzwischen hab ich's alleine abgewaschen!«

Zu spät, Martha! Er ist fort, soll Martha doch sehen, wie sie ohne ihn fertig wird!

Er steht und starrt stur geradeaus, jetzt schon zwölf Minuten, und das war noch nicht alles!

Der Wind pustet, aber er kann ihn nicht umpusten, ihn nicht, denn er ist jetzt wie festgewachsen auf diesem Stück Erde, die Füße im Boden verwurzelt, Schlingpflanzen rankeln sich die Beine hoch, Moos macht sich an der Wetterseite seines Kopfes breit, Ameisen krabbeln auf ihm rum und melken Blattläuse, doch er steht ohne zu wackeln, verlagert nur ab und zu das Gewicht auf das andere Bein. Kennt keinen Hunger und keinen Durst, das heißt, kennt ihn eigentlich schon, aber er beachtet ihn nicht! Es gab ja sowieso gerade Mittag mit Kompott.

Nur sein Bier austrinken, das würde er schon noch gerne. Er hatte ja erst einen Schluck genommen.

Aber er muß hier stehenbleiben, denn er ist fortgegangen, da kennt er nix! Tapfer hält er die Stellung, ohne zu murren, obwohl jetzt der linke Fuß eingeschlafen ist, er steht da und schaut weg! Und sein Bier steht im Zelt und wird schal, das schöne Bier! Lecker Holsten!

Aber er kann ja jetzt nicht einfach aufgeben, wo er schon so lange hart geblieben ist, hart wie Granit, dieses meistverbreitete Tiefengestein, gekocht im Kessel des Vulkans, der ... - und jetzt ruft Martha auch noch »Herbert, was is'n mit deinem Bier?« - sowas!

Zeichnung von kriki

Copyright: Uwe Beneke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 23
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Potpourri Platte
Hans Duschke: Der deutsche Lech Walesa Ahne: Wie ich mal die Welt rettete Horst Evers: Tagesmutter Mark Stefan Tietze: Studentenparty Bov Bjerg: Nich mit mir Andreas Scheffler: Der kindliche Waffengebrauch Jürgen Witte: generation m Uwe Beneke: Im hohen Norrrden Sarah Schmidt: Wahrheit oder Tat Manfred Maurenbrecher: Niedrig bleiben Martin Bering: »Bitte legen sie nicht auf« Falko Hennig: Meine kriminelle Karriere Funny von Dannen: Etwas wie Freude Hinark Husen: Urinieren mit Unterhaltungskünstlern Michael Sens: Die Qualle Hans Duschke: Woll mer se reinlasse Andreas Scheffler: Raetsel Gabi Schlaug: Zahltag Manfred Maurenbrecher: Krank Jürgen Witte: Ansichtskarten Horst Evers: Zwei Plätze für Scholz Bov Bjerg: Hoppala Susan Dreyer: Telefongebührenzähler Hans Duschke: Nacht oder Leben Jürgen Witte: Sei tapfer, Soldat
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXIV
Kavara Bistroj: Der Ausländer
Was die anderen drucken
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: