Sarah Schmidt: Wahrheit oder Tat
Bei mir zu Hause wird das Spielen gepflegt. Mindestens einmal in der Woche laden wir Freunde und Bekannte zum Spieleabend ein. Es werden Getränke und Knabbereien gereicht und dann gehts los.
Am schönsten finde ich Spiele, die ich gewinne. Ich bin eine sehr gute Gewinnerin! Und auch die Gemeinsamkeit und Geselligkeit dieser Abende weiß ich zu schätzen. Jedenfalls bis letztens. Wir saßen zusammen und überlegten, was wir als nächstes spielen wollten.
»Siedler!«
»Oh nee, nicht schon wieder.«
»Oder Mäxchen?«
»Mmh, nöö, würfeln, das macht soviel Krach.«
»Na, dann spielen wir eben Zettel vorm Kopp.«
»Ach, das haben wir doch letzte Woche gemacht.«
Dann kam einer auf die Idee: »Flaschendrehen! Wie im Fernsehen, bei der Baileysreklame. - Wahrheit oder Tat!« Ich hätte da schon mißtrauisch werden sollen und ablehnen. Das ist schließlich die Werbung, in der eine Frau auf allen vieren kriecht. Aber nein, dazu war ich zu blöd. Wahrscheinlich weil ich dachte, Flaschendrehen, ja, das war früher immer lustig, mit knutschen und so. Also holten wir eine Weinflasche, und los gings. Es war tatsächlich lustig; bis die doofe Flasche auf mich zeigte.
»Ich nehm die Wahrheit!«
Meine angebliche Freundin durfte die Frage stellen.
»Sarah, erzähl uns was von dir, was du lieber geheimhalten würdest!«
Ich hätte mir ja was ausdenken können. Daß ich schon mal mit ihrem Freund was hatte, oder das ich zum Einschlafen am Daumen nuckle, irgendwas. Aber nein, das wäre ja gelogen, und ich dachte mir: »Was soll's, sind doch alles meine Freunde hier, dann sag ich auch echt die Wahrheit.« Mittlerweile wurde die Runde ungeduldig.
»Na, hast du dir was einfallen lassen?«
»Ja, ja, schon gut. Also - ich gestehe - ich geh ins Fitnesstudio!«
Um mich herum ungläubiges Schweigen. Innerhalb von Sekunden war ich in der Achtung meiner Freunde tief gesunken.
»Haha, Sarah, du und Sport? Das soll ja wohl ein Witz sein.«
»Nein, ehrlich, ich will mich bewegen.«
»Fitnesscenter, das ist doch was für alte, fette Frauen. Hast du überhaupt so 'nen Lurexanzug mit Stirnband und 'ner Kordel am Arsch?«
»Ja genau, ein G-String. Zeig uns deinen G-String!« höhnte es mir entgegen.
»Hab ich nicht. Brauch ich da auch nicht, da sind alles nur ganz normale Menschen in Turnhosen.«
Meine Freunde waren der Meinung, daß hier nur ein ernstes Gespräch hilft.
»Sarah, jetzt guck mal, Fitness, das ist doch das blödste, was es gibt. Und spießig! Du wirst richtig spießig! Wenn du Sport machen willst, dann geh doch schwimmen. Das ist gesund!«
»Schwimmen? Bei dir piept es wohl. Schwimmen gehen ist blöd. Und langweilig. Ich glaube, Schwimmen ist das Langweiligste, was es gibt. Und außerdem naß. Und wie es da riecht. Ekelhaft!«
»Na, dann geh doch laufen, joggen.«
»Ach ja, es gibt doch noch was langweiligeres als schwimmen. Joggen, das ist doch krank. Guck dir doch mal die Leute an, die so dumm in der Gegend rumrennen. Ich lauf doch nicht freiwillig und ziellos im Park rum.«
»Du hast doch nur Angst, daß deine Arme schwabbelig werden und der Hintern rutscht. Eindeutig erste Anzeichen von Midlifecrisis, Sarah.«
»Ihr seid so gemein! Und das schimpft sich Freunde. Da will ich mal was Gutes für mich tun, und ihr lacht mich aus. Na gut! Ich werd euch sagen, warum ich da hingeh: Ich werde ganz schnell ganz stark und dann verprügle ich euch alle! Mit links! Und jetzt bin ich dran mit drehen.«
Die Flasche zeigt auf meine ehemalige Freundin.
»Du nimmst Wahrheit. Los, erzähl uns was über deine Krampfadern. Oder du nimmst Tat, und dann mußt du sie uns zeigen!«
Damit war der Spieleabend beendet.