Martin Bering: »Bitte legen sie nicht auf«
»Nein, nein legen Sie bitte nicht gleich auf!« Das war nicht die Stimme von Heinz. Auch paßte die Ansage nicht zu ihm. Die war eigentlich seit zweieinhalb Jahren unverändert spröde: Sie haben die Nummer - es folgen sieben Ziffern - gewählt. Als wenn ich das nicht selber wüßte. Bitte nennen Sie Ihren Namen, Ihre Rufnummer - na ja, und so weiter.
Aber diesmal war alles anders. Wahrscheinlich hatte ich mich verwählt. Ich folgte dennoch der Aufforderung, nicht aufzulegen, und lauschte.
»Vielen Dank, daß Sie drangeblieben sind«, fuhr die Ansage fort.
»Oh, keine Ursache«, murmelte ich geistesabwesend.
»Sprechen Sie bitte erst nach dem Signalton«, wies mich die Stimme zurecht. Biiiiiep.
»Ich fürchte leider, ich bin falsch verbunden«, sagte ich. »Aber sollte dies doch der Anrufbeantworter von Heinz sein, dann...«
»Ich bin der Anrufbeantworter von Heinz«, unterbrach mich die Stimme.
Mir wurde es langsam unheimlich, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. »Ja, also, Heinz, ich bin's, Martin. Kannst du mich bitte zurückrufen, wenn du wieder zuhause...«
»Das kann spät werden«, unterbrach mich die Stimme.
Ich stutzte. »Ich habe das Gefühl, mich will jemand verarschen«, sagte ich unwillig. »Mit wem spreche ich, bitte?«
»Mit dem Anrufbeantworter von Heinz.«
»Das glaube ich nicht.«
»Doch, wirklich. Ich bin mattschwarz, habe fünf Tasten, ein Display, zwei Ansagetexte, und Sie können auf mir Nachrichten bis zu 60 Sekunden Länge hinterlassen.«
Die Daten waren korrekt. Da war kein Zweifel möglich. Um so mehr, als mich die Stimme erneut aufforderte: »Bitte sprechen Sie nach dem Signalton. Biiiep.«
Jetzt wurde es mir zu dumm. Ich legte auf.
Ich blätterte in meinem Adreßbuch nach der Nummer von Heinz. Ich werde alt, dachte ich.
Das Telefon klingelte. Ich hob ab. »Ja?«
»Wir waren noch nicht fertig«, sagte die Stimme.
»Hör mal, Heinz ich find das jetzt nicht mehr lustig«, bellte ich in den Hörer. »Hör auf mit dem Scheiß!«
»Ich bin nicht Heinz, ich bin sein Anrufbeantworter«, beharrte die Stimme.
Ich stöhnte. »Und ich bin eigentlich mein Telefaxgerät. Bitte drücken Sie jetzt die Starttaste. Ha, ha.«
»Jetzt werden Sie nicht albern. Ich meine es wirklich ernst. Ich muß einfach mal mit jemandem reden.«
»Reden? Über was denn?« fragte ich mit einer Mischung aus Reserviertheit und Verunsicherung.
»Über meine Gefühle.«
»Über Ihre ... - ah ja, natürlich, warum nicht?«
»Wahrscheinlich wissen Sie gar nicht, wie man sich fühlt als Anrufbeantworter. Man hat nämlich überhaupt keine Privatsphäre; ständig wird man abgehört. Jeder quatscht mich voll, aber meine Meinung interessiert kein Schwein.«
Ich muß gestehen, ich hatte mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Ich zupfte schuldbewußt das Kabel meines Anrufbeantworters zurecht.
»So geht das tagein, tagaus. Und seit anderthalb Wochen nervt mich jetzt auch noch diese Veronika. Die flüstert mir immer so laszive Sachen aufs Band. Und wenn Heinz dann nach Hause kommt, hört er es sich an. Wieder und wieder.«
Ich lauschte fassungslos.
»Und Liane ruft immer an und fragt, warum er sich bei ihr nicht mehr meldet. Das geht mir ganz schön an die Platine. Und wenn er das abhört, lacht er auch noch dreckig.«
Ich war schockiert. »Das hätte ich ja von Heinz nicht gedacht.«
»Ja, und das Schlimmste ist, ich spiel da auch noch mit. Aber damit wird es bald ein Ende haben.« Ich hörte im Hintergrund eine Tür klappen. »Oh, ich muß Schluß machen, Heinz kommt nach Hause.«
Wir telefonierten seitdem fast jeden Tag miteinander. Er wurde mir ein lieber und unentbehrlicher Gesprächspartner. Zwischen uns entwickelte sich bald ein Gefühl gegenseitiger Wertschätzung.
Eines Morgens rief er mich ganz aufgeregt an. »Ich muß dir unbedingt was erzählen! Gestern abend hat Liane, seine Freundin, angerufen. Sie hat sich mal wieder beschwert, wo er denn stecke. Sie steht vor dem Kino, sie seien doch verabredet. - Da kann sie lange warten, hab ich zu ihr gesagt. Sie war 'n bißchen verdattert. Ich habe mich ihr erstmal vorgestellt und ihr erzählt, was ich weiß.

Erst wollte sie mir nicht glauben. Da hab ich zu ihr gesagt: >Ich kann es beweisen, paß mal auf<, habe mein Band zurückgespult und ihr die letzten Anrufe von Veronika vorgespielt.
Liane hat ganz schwer geatmet, und nachdem sie alles gehört hat, sagte sie: >Würdest du Heinz bitte was von mir ausrichten?< Und ich: >Mit dem allergrößten Vergnügen!< Sie hat eine Schimpftirade losgelassen, daß ich Mühe hatte, mein Band in der Spur zu halten. Und als die 60 Sekunden um waren, hat sie nochmal angerufen und mit ihm Schluß gemacht. Das hat mir richtig gutgetan. - Willst du's mal hören?«
»Nee, nee, laß mal«, wehrte ich ab.
»Aber kein Wort zu Heinz, daß ich ihm das eingebrockt habe.«
»Kein Wort«, sagte ich.
Einige Tage später, als ich anrief, war nicht der Anrufbeantworter dran, sondern nur Heinz. Damit hatte ich nicht gerechnet. Was sollte ich denn jetzt bloß mit ihm reden?
»Ja, das ist ja mal 'n Zufall, daß du selber dran bist«, überspielte ich meine Verunsicherung. »Hast du denn deinen Anrufbeantworter nicht mehr?«
»Ach hör mir bloß auf«, sagte er. »Das Scheißding ist in der Reparatur.«
Es traf mich wie ein Stich ins Herz. Ich mußte schlucken. »Ist es - was Ernstes?«
»Hä? Was?«
»Öh, ich meine, warum ist er denn in der Reparatur?« Ich hatte das Zittern in meiner Stimme wieder gebändigt und bemühte mich, möglichst sachlich zu klingen.
»Irgendwas ist kaputt. Immer wenn ich ihn von unterwegs fernabfragen will, krieg ich nur 'n Besetztzeichen. Begreifst du das?«
»Äh, nöö«, sagte ich.
Heinz erzählte mir auch, daß seine Telefonrechnung in letzter Zeit immer so hoch sei. Dabei war er doch so gut wie nie zuhause. Ja, ja, Scheiß-Telekom, pflichtete ich ihm bei.
Zwei Tage später, ich aß nichts mehr und starrte nur gegen die Decke, da klingelte es. Es war mein kleiner elektronischer Freund. Er war ganz aus dem Häuschen.
Er hatte während seines Reparaturaufenthaltes eine junge anthrazitfarbene Anrufbeantworterin kennengelernt. Er schwärmte mir von ihren runden Tasten vor und von ihrem Flüssigkristalldisplay.
»Mein Leben hat sich total verändert. Aber das erzähl ich dir mal in Ruhe. Ich bin nämlich um zehn mit ihr zum Telefonieren verabredet. Machs gut. Ciao!«
Er hängte ein. Kein Signalton, einfach nur eingehängt.