Falko Hennig: Meine kriminelle Karriere
1. Illegale Autobahnabfahrt
Meine Eltern nahmen es mit den Gesetzen nicht so genau. Wenn wir ins Ausland fuhren, hatten wir immer irgendwas dabei, was man eigentlich nicht mit raus nehmen durfte. Das mit dem Zoll war immer eine heikle Sache. Und wenn wir zurück kamen, meist aus der Tschechoslowakei, dann war es dasselbe. Ein Kasten Bier, Westzeitungen, Sachen dieser Art. Wir hatten eine Wohnung in Ludwigsfelde und ein Wochenendgrundstück in Rangsdorf, zwanzig Kilometer entfernt. Wenn wir mit dem Trabant Kombi die Autobahnabfahrt nahmen, mußten wir meist an der Eisenbahnschranke eine kleine Ewigkeit warten. Diese Schranke wurde mit der Hand betrieben, und wenn zwei Züge in zehn Minuten Abstand durchfuhren, dann ließ der Schrankenwärter die Schranken einfach unten. Aber es gab einen Parkplatz auf der Autobahn, fünf Kilometer vor der offiziellen Abfahrt, von dem aus man einen Schleichweg durch den Wald fahren konnte. Die Polizei führte einen aussichtslosen Kampf gegen die illegalen Abfahrer. Manchmal lauerten sie auf, manchmal versuchten sie mit Gräben und Erdhügeln Barrieren zu schaffen. Aber die hochbeinigen Trabbis bahnten sich schon bald einen neuen Weg. Einmal, mein Vater fuhr, und meine Schwester und ich saßen hinten im Auto, wollte mein Vater durch den Wald über diesen Parkplatz auf die Autobahn fahren. Es war schon spät abends und dunkel, da leuchtete jemand mit der Taschenlampe.
»Scheiße!« sagte mein Vater, und zu uns nach hinten: »Sagt nichts!«
Es waren Polizisten, die irgendeine Kontrolle machten. Mein Vater kurbelte die Scheibe herunter und sagte zu dem Polizisten: »Wir wollen meine Frau abholen. Sie ist zu einem Ausflug zum Frauentag, und vielleicht kann sie den Busfahrer überreden, daß er sie hier rausläßt.«
Der Polizist glaubte diese Geschichte. Wir warteten zehn Minuten, dann fuhr mein Vater wieder zurück, und wir nahmen die normale Autobahnauffahrt.
Wenn wir auf der Autobahn fuhren, dann ruckelte es. Zwischen den Betonplatten waren große Spalten, und die Platten waren voller Risse. Manchmal sagte mein Vater: »Scheiß-Nazis, Scheiß-Hitler. Erst bauen sie die Autobahn, und dann machen sie vierzig Jahre lang nichts dran.«
2. Armeegeneral auf dem Darß
Im Winter Wintersport, meist im tschechischen Riesengebirge, Sommer an der Ostsee, so sahen unsere Urlaube aus. Uns ging's gut, keine Frage. Wohnung, Grundstück, Auto, zweimal im Jahr in den Urlaub. Kurz hatte mein Vater sogar den Saporosch seines Vaters, den Sapo. Doch mein Vater und technische Sachen, das ist eine Geschichte für sich.
Sommerurlaub an der Ostsee, Prerow, der einzige Zeltplatz direkt am Meer. In den Dünen des Darß, das größte FKK-Gebiet der Welt. Vielleicht gab es doch noch ein größeres, aber die Welt war damals kleiner. Zu den Parkplätzen führte ein Plattenweg. Betonplatten, auf denen immer nur ein Auto fahren konnte. Begegneten sich zwei, dann mußte ein Fahrer von beiden seinen Wagen zurück auf einen dieser Ausweichplätze fahren. Wir waren in dem Trabbi Kombi und fuhren auf diesem Plattenweg, und da kam uns ein olivgrüner NVA-Barkas entgegen. Unser Trabbi und der Barkas standen sich gegenüber. Der Barkas hatte es nicht so weit zu dem Ausweichplatz, meine Mutter, am Steuer des Trabbi, gab nicht nach. Ein Soldat kam heraus und bat meine Mutter zurückzufahren. Doch sie fand, daß der Barkas es nicht so weit bis zu einem Ausweichplatz hatte und also er zurückfahren müßte. So standen wir, die Soldaten im Barkas wollten nicht nachgeben. Die Minuten verstrichen seltsam träge und zäh, die Sonne brannte herunter auf den Darß, es war Sommer und es gab keine Klimaanlagen.
Jetzt kamen zwei Soldaten aus dem Armee-Barkas und versuchten nochmals, meine Mutter zu überreden. Doch sie fühlte sich im Recht und gab nicht nach. Ein Trabant Kombi und ein Armee-Barkas standen sich gegenüber, und schließlich fuhr der Barkas doch zurück auf den Ausweichplatz, wir fuhren an ihm vorbei, wir hatten gewonnen.
Eine Stunde später saßen wir vor unserem Zelt, als die Durchsage über den Strandlautsprecher kam: »Die Fahrerin des PKW Trabant mit dem amtlichen Kennzeichen PA 90-72 sofort bei der Zeltplatzleitung melden!« Meine Mutter trank noch ihren Kaffee aus, als die nächste Durchsage kam: »Margot Hennig, Frau Margot Hennig bei der Zeltplatzleitung melden!«
»Ach«, sagte sie, »jetzt haben sie schon den Namen raus.« Sie ging los, nahm als Zeugin ihre Freundin mit, die auch mit im Trabbi gewesen war, und ich sah sie noch den Weg gehen. Gulag, Sibirien, Arbeitslager. Es hätte ein Abschied für immer sein können, war es aber nicht.
Wir erfuhren dann später, was passiert war. In dem Armee-Barkas war Heinz Hoffmann gewesen, der Armeegeneral der DDR, früher sagte man Kriegsminister. Es ging alles noch glimpflich ab, weil sie meiner Mutter glaubten, die versicherte, daß sie natürlich zurückgefahren und dem Barkas Platz gemacht hätte. Aber die Soldaten hatten nicht gesagt, daß Heinz Hoffmann in dem Barkas gesessen hätte. Nur eine Ahnung habe sie, nur eine Ahnung von Heinz Hoffmann da drin gehabt! Außerdem kannte sie einer der Verhörer, immerhin war meine Mutter Spielerin in der Nationalmannschaft gewesen, Feldhandball.