Funny van Dannen: Etwas wie Freude
Madeleine Schabrowski hatte ein Suppenhuhn unter ihr Bett gelegt, damit es dort in aller Ruhe schöne Eier legen könnte. Als sie nach einer Woche hungrig nachsah, mußte sie feststellen, daß sie das Suppenhuhn gar nicht ausgepackt hatte, wo doch jeder weiß: Eingepackte Suppenhühner legen keine Eier, sondern gammeln nur so vor sich hin.
Aber Madeleine Schabrowski war verrückt. Sie nagelte das eingepackte Suppenhuhn zur Strafe von außen an die Wohnungstür, obwohl es auch schon stank.
So brachte sie die anderen Hausbewohner völlig unbeabsichtigt gegen sich auf. Sie klingelten Madeleine Schabrowski am Sonntagnachmittag aus dem Bett, und der Hausmeister forderte sie auf, sofort das Huhn von der Tür zu nehmen und es in den Müll zu tun.
»Ich habe keinen Müll«, sagte Madeleine bockig. »Ich esse nur Äpfel und die esse ich ganz auf.«
»Auch die Stiele?« fragte die Frau Henz von obendrüber.
»Die Stiele schmeiß ich vom Balkon«, sagte Madeleine provozierend.
»Schon gut, Frau Schabrowski«, sagte der Hausmeister. Er war gutmütig und wußte, daß Madeleine verrückt war. »Dann tun sie Ihr Suppenhuhn doch einfach in unsern Müll und fertig!«
»In Ihren Müll?« reif Madeleine. »Mein gutes Suppenhuhn in Ihren ekligen, dreckigen Müll?«
»Du abartige Schlampe«, sagte Herr Ritschl von untendrunter, »nimmst jetzt sofort das Tier da weg und...«
»HERR RITSCHL!« flüsterte der Hausmeister, »GANZ RUHIG! WIR sind zivilisierte Menschen!« Er wußte daß es keinen Sinn hatte, mit einer Verrückten so roh zu sprechen. Er sagte: »Schauen Sie, Frau Schabrowski, Ihr Huhn ist ja noch eingepackt. Selbst wenn Sie es in unseren dreckigen Müll tun, kann es nicht schmutzig werden!«
Madeleine Schabrowski wurde wütend. »Finden Sie es richtig, tote Tiere einfach in den Müll zu tun? Sie haben wohl vor nichts mehr Achtung, nicht mal vor dem Tod!«
Herr Ritschl wollte etwas sagen, aber der Hausmeister erfaßte seinen Arm, drückte ihn engagiert. »Na gut, Frau Schabrowski«, sagte er. »Dann werden wir Ihr Huhn im Hinterhof beerdigen. Ich hol schon mal die Schaufel, Sie nehmen es dann ab.«
»Aber nur wenn alle beten und andächtig drumrumstehn!« sagte Madeleine. Nun merkten auch die anderen, daß Madeleine verrückt war. Sogar Herr Ritschl schwieg betreten, und der Hausmeister holte die Schaufel. Frau Merk holte aus ihrer Wohnung einen geräumigen Karton mit Styroporflocken, und in diesem Sarg wurde Madeleine Schabrowskis Suppenhuhn beerdigt.
Der Hausmeister hielt eine wirklich gute Grabrede. Er sprach von der geschundenen Kreatur, der kalten Welt und ihrer Gier nach immer mehr, vom Glauben an den Fortschritt, vom Leben überhaupt und dessen Ursprung und der Frage, was denn nun zuerst, das Huhn oder das Ei, und welche Rolle der Hahn dabei ... - und das war, glaube ich, zuviel für Madeleine. Sie brach zusammen.
Herr Ritschl konnte Erste Hilfe. Er machte Mund-zu-Mund-Beatmung. Madeleine schlug ihre Augen auf, und alle waren sehr erleichtert. Herr Ritschl sagte: »Kommen Sie, Frau Schabrowski! Wir trinken einen Kaffee, dann sieht die Welt schon anders aus!« Und obwohl Madeleine Schabrowski Kaffee für ein Urgift hielt, ging sie mit.
Und als sie am selben Abend, wieder alleine, in sich ging, da spürte sie zum ersten Mal seit langer Zeit etwas wie Freude, und obwohl sie dem Gefühl noch gar nicht traute, wagte sie es schon zu fragen: »Freude, wo kommst du her? Freude, was willst du mir sagen? Freude, was willst du, daß wir unseren Kindern von dir berichten?«